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HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD-
HEFT II
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auf Grund der Psychoanalyse
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Dr. Karl Abraham
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| FM, Zur Psychoanalyse der N
| (Diskussion, gehalten auf dem V. Internationalen
1 29. September ı9ı8.) 1919.
=} Inhalt: Einleitung von Prof, SIGM. FREUD. — Dis-
Kussionsbeiträge von Dr. S. FERENCZI (Budapest), Dr.
KARL ABRAHAM (Berlin) und Dr. ERNST SIMMEL
(Berlin). — Dr. ERNEST JONES (London): Die Kriegs-
neurosen und die Freudsche Theorie.
RA #
En
Da I
1
IH. Dr.S.FERENCZI: Hysterie und Patho-
neurosen. 1919.
Inhalt: Über Pathoneurosen. — Hysterische Materiali-
sationsphänomene. — Erklärungsversuch einiger hyster.
Stigmata. — Technische Schwierigkeiten einer Hysterie-
analyse. — Die Psychoanalyse eines Falles von hyster.
Hypochondrie. — Über zwei Typen der Kriegshysterie.
.
r Era a
IV. Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische
Beiträge zur Mythenforschung. (Aus den
Jahren 1g9ı2 bis 1914.) 2., veränderte Aufl. 1922.
Inhalt: Vorwort. Mythologie und Psychoanalyse, —
Die Symbolik. — Völkerpsychologische Parallelen zu den
infantilen Sexualtheorien. — Zur Deutung der Sintflut-
sage. — Männeken-Piß und Dukaten-Scheißer. — Das
Brüdermärchen. — Mythus und Märchen.
© fReligionspsychologie. I. Teil:, Das Ri-
‚tual. Mit einer Vorrede von Prof. Dr. SIGM.
FREUD. 1919.
Inhalt: Einleitung. — Die Couvade End die Psycho-
7 genese der Vergeltungsfrucht. — Die Pubertätsriten der
' Wilden. — Kolnidre (Stimme des Gelübdes,) — Das Schofar
; (Das Widderhorn).
| VI.Dr.GEZARÖHEIM: Spiegelzauber.ıgıg.
VIH.Dr: EDUARD HITSCHMANN: Gottfried
i Keller. Psychoanalyse des Dichters, seiner
‚Gestalten und Motive. 1919. |
ZENIM. Dr. OSKAR PFISTER: Zum Kampf um
[die Psychoanalyse. (Mit einer Kunstbeilage
und ı5 Textabbildungen.) 1920.
7 Inhalt: Die Psychoanalyse als psychologische Methode.
F Apologetisches. Der erfahrungswissenschaftliche Cha-
Y% | rakter der Psychoanalyse Proben’psychoanalytischer Ar-
| beit. (Nachtwandeln. Unbezwingliche Abneigung gegen
ST eine Speise. Hypnopompischer Einfall. Ein Fall von
7] kommunizierender religiöser und irdischer Liebe usw.)
| Einige Ergebnisse und Ausblicke. - Die Entstehung der
künstlerischen Inspiration. — Zur Psychologie des Krieges
"I und des Friedens. Die Tiefenmächte des Krieges. Die
„ | psychologischen Voraussetzungen des Völkerfriedens. —
Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus. —
Of Hysterie und Lebensgang bei Margareta Ebner. - Psycho-
[analyse und Weltanschauung. (Positivismus, Metaphysik,
a Ethik.) — Gefährdete Kinder und ihre psychoanalytische
Behandlung. — Wahnvorstellung und Schülerselbst-
A N mord. — Das Kinderspiel als Frühsymptom krankhafter
T Entwicklung, zugleich ein Beitrag zur Wissenschafts-
N : x plogie.
INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHER|
Psychoanalytischen Kongreß in Budapest, 28.und.
- von scheinbar ätiologischer Bedeutung.
V. Dr. THEODOR REIK:- Probleme der.
INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
WIEN, VII. N
IX. AUREL KOLNAI: Psychoanalyse und
Soziologie. Zur Psychologie von Masse und
Gesellschaft. 1920.
X. Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Bei-
träge zur Psychoanalyse aus den Jahren
1 907-1920. 1921.
Inhalt: Über die Bedeutung sexueller Jugendträume
für die Symptomatologie der Dementia praecox. — Die
psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der De-
mentia praecox. — Die psychologischen Beziehungen
zwischen Sexualität und Alkoholismus. — Die Stellung
der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. —
Über hysterische Traumzustände. — Bemerkungen zur
Psychoanalyse eines Falles von Fuß- uud Korsettfetischis-
mus. — Ansätze zur psychoanalytischen Eriorschung und
Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und ver-
wandter Zustände. — Über die determinierend& Kraft
des Namens. — Über ein kompliziertes Zeremoniell
neurotischer Frauen Ohrmuschel und Gehörgang als
er gene Zone. — Zur Psychogenese der Straßenangst im
Kindesalter. — Sollen wir die Patienten ihre "Träume
aufschreiben lassen? — Einige Bemerkungen: über die
Rolle der Großeltern in der Psychologie der Neurosen. —
Eine Deckerinnerung, betreffend ein Kindheitserlebnis
— Psychische
Nachwirk ıngen der Beobachtung des elterlichen Ge-
schlechtsverkehrs bei einem neunjährigen Kinde.— Kritik
zu C. G. Jung: Versuch einer Darstellung der psycho-
analytischen Theorie. — Über eine konstitutionelle
Grundlage der lok ‚motorischen Angst. — Über Ein-
schränkungen und Umwandlungen der Schaulust bei
den Psychoneurotikern. - Über neurotische Exogamie. -
Untersuchungen über die früheste prägenitale Ent-
wicklungsstufe der Libido. — Über ejaculatio praecox. —
Einige Belege zur Gefühlsstellüng weiblicher Kinder
gegenüber den Eltern. — Das Geldausgeben im Angst-
zustand. — Über eine besondere Form des neurotischen
Widerstandes gegen die psychoanalytische Methodik.
Bemerkungen zu Ferenczis Mitteilungen über Sonntags- I
neurosen. — Zur Prognose pgychoanalytischer Behand-
lungen im vorgeschrittenen Lebensalter.
XI. Dr. ERNEST JONES: Therapie der
Neurosen. 1921.
XII. J. VARENDONCK: Über das vor
bewußte phantasierende Denken. Mit
Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1922.
XII. Dr. S. FERENCZH: Populäre Vor-
träge über Psychoanalyse. ı922. |
Inhalt: Zur analytischen Auffassung der Psycho-
neurosen. — Träume der Ahnungslosen. — Suggestion
und Psychoanalyse. — Die Psychoanalyse des Witzes
und des Komischen. — Ein Vortrag für Richter und
Staatsanwälte. — Psychoanalyse und Kriminologie. —
Philosophie und Psychoanalyse. — Zur Psychogenese der
Mechanik. — Cornelia, die Mutter der Gracchen. — Anatol
France als Analytiker. — Glaube, Unglaube, Überzeugung.
XIV. Dr. OTTO RANK: Das Trauma der
Geburt und seine Bedeutung für die
Psychoanalyse. 1924.
XV. Dr. .S“ FERENCZI:
Gehitaltheorie. 1924.
Versuch einer
Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse
Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud
Heft II
Versuch einer
Entwicklungsgeschichte der Libido
auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen
Von
Dr. Karl Abraham
1924
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Leipzig / Wien / Zürich
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ER Re Be Alle Rechte: FORINT AT
| insbesondere das der NE TRERRNE vorbehalten |
Wkakae y EHRN w at * ER N Copyright 1924 ar re KEN BEN
„Internationaler ‚Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. Ei, Wien
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Erster Teil
Die manisch-depressiven Zustände und
die prägenitalen Organisationsstufen
der Libido
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Einleitung
Vor mehr als zehn Jahren habe ich zuerst den Versuch
gemacht, die Entstehung der manisch-depressiven Krankbheits-
zustände auf psychoanalytischem Wege zu erklären. Der Un-
vollkommenheit des Versuches und seiner Ergebnisse war ich
mir wohl bewußt und bemühte mich, sie schon in der Über-
schrift meiner Veröffentlichung („Ansätze zur psychoanalytischen
Erforschung“ usw.) zum Ausdruck zu bringen. Man tut gut,
sich daran zu erinnern, wie wenig umfangreich damals noch
die gesamte psychoanalytische Literatur war. Vorarbeiten
bezüglich der zirkulären Geistesstörungen aber gab es nur in.
besonders geringfügigem Maße. Die freie psychotherapeutische
Praxis bot wenig Gelegenheit zur Analyse solcher Zustände,
so daß es dem einzelnen Beobachter unmöglich war, eine größere
Reihe vergleichbarer Erfahrungen zu sammeln.
Waren somit die Resultate jener ersten Untersuchung auch
unzulänglich und lückenhaft, so haben sie sich doch in wesent-
lichen Beziehungen als richtig erwiesen. Die Auffassung, daß
die Melancholie sich zum normalen Affekt der Trauer verhält
wie die neurotische Angst zur Furcht, fand ihre Bestätigung
in Freuds Aufsatz über „Trauer und Melancholie“. Die psycho-
logische Verwandtschaft der Melancholie mit der Zwangsneurose
darf heute als feststehend gelten. Hinsichtlich der Abwendung
der Libido des Patienten von der Objektwelt gilt das gleiche.
Dagegen ließ sich über die Trennungsstelle der melan-
cholischen und der zwanghaften Zustände nichts ermitteln, wie
denn überhaupt die spezifische Verursachung der
zirkulären Störungen völlig im Dunkeln blieb.
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6 " Dr. Karl Abraham
Ihr suchte ich auf den Grund zu kommen, nachdem Freud
die Lehre von den prägenitalen Organisationsstufen
der Libido aufgestellt hatte. Die Psychoanalyse der Zwangs-
neurose führte ihn zur Annahme einer prägenitalen Phase der
Libidoentwicklung, die er als die sadistisch-anale bezeichnete.
Etwas später beschrieb er in der dritten Auflage der „Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie* eine noch frühere Phase, die
orale oder kannibalische, in bestimmten Umrissen. An einem
umfangreichen empirischen Material konnte ich nun (1917) den
Beweis erbringen, daß gewisse Psychoneurosen deutliche Spuren
jener frühesten Organisationsstufe der Libido enthalten, durfte
zugleich aber die Vermutung äußern, daß das Krankheitsbild
der Melancholie einem Regressionsvorgang entspringe, der die
Libido des Kranken zu eben jenem frühen, oralen Stadium
zurückführe. Einen zwingenden Beweis für diese Annahme ließ
das in dieser Hinsicht lückenhafte Tatsachenmaterial nicht zu.
Fast zu gleicher Zeit griff Freud das Problem der Melan-
cholie von einer anderen Seite her an. Er tat den entscheidenden
Schritt zur Aufdeckung des melancholischen Mecha-
nısmus, indem er zeigte, wie der Kranke sein Liebesobjekt
verliert, es hernach aber auf dem Wege der Introjektion
in sich selbst aufnimmt, so daß beispielsweise die melancholischen
Selbstanklagen eigentlich dem verlorenen Objekt gelten.
Die seitherige Beobachtung hat mir die Bedeutung beider
Vorgänge — der Regression der Libido zur oralen Stufe sowohl
als des Introjektionsprozesses — vollauf bestätigt, darüber
hinaus aber ihre innige Zusammengehörigkeit erwiesen. Die
Psychoanalysen, welche der vorliegenden Publikation zugrunde
liegen, lassen in dieser Hinsicht keinen Zweifel übrig. Die
Introjektion des Liebesobjektes ist, wie ausführlich nachgewiesen
werden soll, ein Vorgang der Einverleibung, wie er einer
Regression der Libido zur kannibalischen Stufe entspricht.
Noch zweier Fortschritte unserer Erkenntnis ist zu gedenken,
die sich wiederum an Freuds Namen knüpfen. Zunächst hat
er dargelegt, daß beim Melancholiker der dem Krankheitsaus-
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido { 7
bruch vorausgehende Objektverlust der fundamentale Vorgang
sei, welcher der Zwangsneurose abgehe. Der Zwangsneurotiker
befindet sich zwar in ausgeprägt ambivalenter Gefühlseinstellung
zu seinem Liebesobjekt, ängstigt sich vor seinem Verlust, hält
es aber letzten Endes fest. Der Nachweis dieses Unterschiedes
'ın den beiden Krankheitsprozessen ist von großer Tragweite,
die in den nachfolgenden Ausführungen erkennbar werden soll.
Des weiteren aber hat Freud neuerdings auch noch dem
Verständnis der manischen Exaltation bestimmtere Bahnen
gewiesen." Es wird später ersichtlich werden, welchen Fortschritt
seine Aufstellungen gegenüber meinem ersten tastenden Versuch
(1911) bedeuten.
Als im Jahre ıg20 der VI. psychoanalytische Kongreß vor-
bereitet wurde, erging an mich die Aufforderung, ein Referat
über die manisch-depressiven Psychosen zu übernehmen. Ich
mußte das Ersuchen ablehnen, weil mir kein neues Beobachtungs-
material zur Verfügung stand. Seither ist es mir möglich gewesen,
die Psychoanalyse zweier ausgeprägter Fälle von zirkulärer
‚Erkrankung fast bis zum Ende durchzuführen und außerdem
fragmentarische Einblicke in den Aufbau einiger anderer Krank-
heitsfälle dieser Art zu gewinnen. Die Ergebnisse dieser Analysen
bestätigen in überraschender Weise Freuds Auffassung von
der Struktur der melancholischen und manischen Erkrankungen.
Außerdem aber erbringen sie eine Reihe neuer Aufklärungen,
welche Freuds Aufstellungen in wichtigen Hinsichten ergänzen.
Rücksichten der Diskretion legen mir eine weitgehende
Zurückhaltung in der Mitteilung meiner Psychoanalysen auf.
Insbesondere kann ich keine systematische Krankheitsgeschichte
der beiden gründlich analysierten Fälle wiedergeben, sondern
nur kurze Ausschnitte. Um diagnostischen Zweifeln im voraus
zu begegnen, erwähne ich, daß beide Patienten wiederholt ın
Anstalten, beziehungsweise Sanatorien untergebracht waren,
wo sie sich in Beobachtung geschulter Psychiater befanden,
ı) Vgl.. „Massenpsychologie“, 1921.
8 Dr. Karl Abraham
außerdem auch konsultativ von hervorragenden Fachleuten
untersucht worden sind. Das Krankheitsbild war in beiden Fällen
so typisch, der zirkuläre Verlauf so charakteristisch, daß in
praxi bezüglich beider Fälle nie ein diagnostischer Zweifel auf-
gekommen ist.
Eine gewisse Einseitigkeit meines Beobachtungsmaterials hebe
ich selbst hervor, messe ihr freilich keine allzu große Bedeutung
bei. Die manisch-depressiven Kranken, welche ich früher und
auch neuerdings gründlich analysieren konnte, gehörten sämtlich
dem männlichen Geschlecht an. Weibliche Kranke dieser Art
habe ich nur vorübergehend in psychoanalytischer Beobachtung
gehabt, mit Ausnahme einer neueren, noch in Gang befindlichen
Analyse.
Ich kann nicht annehmen, daß die Analyse weiblicher Patienten
grundsätzlich verschiedene Resultate ergeben würde, zumal wenn
man in- Betracht zieht, daß die Patienten beiderlei Geschlechts
in ihren Symptomen eine auffallend betonte Bisexualität auf-
weisen, wodurch sie einander zweifellos angenähert werden.
Als ich einen Teil der nachstehenden Ausführungen dem
VII. psychoanalytischen Kongreß in Berlin (1922) vorlegte, zeigte
sich die Aktualität der behandelten Fragen darin, daß die
Vorträge anderer Referenten von völlig verschiedenen Ausgangs-
punkten herzugewissen, auffallend ähnlichen Resultaten gelangten.
Besonders muß ich Röheims bedeutungsvolle Untersuchung“
erwähnen, die uns über die Psychologie des Kannibalismus
weitgehende Aufklärung gebracht hat. |
Die erste der beiden folgenden Abhandlungen wird gewisse
Fragen der manisch-depressiven Zustände nur unvollständig
erörtern, so besonders das Verhältnis des Kranken zum Liebes-
objekt während der Depression beziehungsweise Manie und im
„freien Intervall“. Die zweite Untersuchung wird diese Fragen
auf breiterer Grundlage behandeln, indem sie der gesamten
Entwicklungsgeschichte der Objektliebe ihr Interesse zuwendet.
ET TE Ten nn er REEL EEE EEE SEEN
1) „Nach dem Tode des Urvaters.“ Imago, 1923, Heft ı.
PIE Sn a Be
I
Melancholie und Zwangsneurose
Amen Stufen der sadistisch-analen Entwicklungs-
phase der Libido |
Zum Ausgangspunkt einer Untersuchung über die melan-
cholische Seelenstörung eignet sich auch jetzt noch ein Vergleich
mit der Zwangsneurose, die ihr in psychologischer Hinsicht
verwandt ist, aber einen Teil ihrer Rätselhaftigkeit durch. die
psychoanalytische Forschung verloren hat.
An übereinstimmenden Zügen im Bilde und Aufbau beider
Zustände erwähnte ich schon ıgıı die Häufigkeit von bei-
gemengten Zwangssymptomen in der Melancholie und die
depressiven Verstimmungen der Zwangsneurotiker. Sodann hob
ıch hervor, daß beiden Krankheitsformen ein hohes Maß von
Ambivalenz im gesamten Triebleben eigen sei; besonders
komme dies zum Ausdruck in dem mangelnden Ausgleich
zwischen Regungen der Liebe und des Hasses, zwischen
heterosexuellen und homosexuellen Antrieben.
Nach meinen neueren Erfahrungen scheinen mir nun Ähn-
lichkeiten nicht nur in den ausgeprägten Krankheitserscheinungen
der Zwangsneurose und der Melancholie zu bestehen; auch die
Ruhezustände beider Krankheitsformen weisen bemerkens-
werte Vergleichspunkte auf. Mit anderen Worten: Die vor-
liegende Untersuchung der Melancholie nimmt nicht das
vollendete Krankheitsbild zu ihrem Ausgangspunkt, sondern
das sogenannte „freie Intervall“, welches sich zwischen zwei
Krankheitsperioden einschiebt.
Io Dr. Karl Abraham
-—
Für den klinischen Beobachter ist der Verlauf der manisch-
depressiven Zustände intermittierend. Die Zwangszustände
bieten demgegenüber im ganzen eine" chronische Verlaufs-
weise, lassen aber mit Deutlichkeit die Neigung zu erheblichen
Remissionen erkennen. Ja, gewisse Fälle verlaufen in
akuten Schüben, die den periodischen Krankheitsausbrüchen
der Melancholie weitgehend ähneln. Die aufmerksame Beobach-
tung durch längere Zeiträume läßt uns, wie auf so vielen
anderen Gebieten, auch hier fließende Übergänge sehen, wo
ursprünglich schroffe Gegensätze vorzuliegen schienen.
Die eingehende psychologische Untersuchung aber bestärkt
uns noch weiter in dieser Auffassung. Der zu periodischen
Depressionen und Exaltationen Neigende ist nämlich im „freien
Intervall“ nicht wirklich „gesund“. Schon eine gründliche
Befragung solcher Individuen ergibt, daß sie während eines
langdauernden Intervalles gelegentlich Depressionen oder hypo-
manischen Anwandlungen unterworfensind. Der Psychoanalytiker
aber muß besonderes Gewicht darauf legen, daß sich bei allen
zyklisch Kranken im Intervall eine abnorme Charakter-
bildung nachweisen läßt. Und diese fällt in unverkennbarer
Weise mit derjenigen der Zwangsneurotiker zusammen. Nach
meinen bisherigen Erfahrungen wenigstens ist eine bestimmte
Sonderung des Charakters der Melancholiker vom sogenannten
„Zwangscharakter* nicht durchführbar. Wir finden bei unseren
zirkulären Kranken im „Intervall“ die gleichen Eigenheiten
in bezug auf Ordnung und Reinlichkeit, die nämliche Neigung
zu Eigensinn und Trotz im Wechsel mit abnormer Nachgiebig-
keit und „Übergüte“, dieselben Anomalien des Verhältnisses zu
GeldundBesitz, die uns aus der Psychoanalyse der Zwangsneurose
geläufig sind. Sie sind uns hier wie dort ein wichtiger Hinweis
auf enge psychologische Beziehungen beider Krankheitszustände
zu der gleichen prägenitalen Phase der Libidoentwicklung.
Nehmen wir nun eine so weitgehende Übereinstimmung in der
charakterologischen Konstitution der zur Melancholie und der
zur Zwangsneurose neigenden Personen an so wird es uns
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 711
—
—
vollends unverständlich, wenn eine aus der nämlichen Charakter-
bildung entspringende Erkrankung in einem Falle diesem, im
anderen jenem Iypus angehört. Wohl hat sich uns die Auf-
fassung ergeben, daß dem Melancholischen die psychosexuelle
Beziehung zum Objekt verloren geht, während der Zwangs-
neurotiker dieser Gefahr letzten Endes auszuweichen vermag.
Allein wir begreifen dann wiederum nicht, warum bei der einen
Gruppe der Kranken die Objektbeziehungen so viel labiler sind
als bei der anderen. De |
Bis zu welcher Stufe der Organisation die Libido eines
Individuums fortschreitet und bis zu welcher Stufe sie im Falle
einer neurotischen Erkrankung regrediert, ist nach psycho-
analytischer Auffassung abhängig von Fixierungspunkten, die
sich im Laufe der Libidoentwicklung ergeben haben. Das gleiche
gilt für das Verhältnis des Individuums zur Objektwelt; Hem-
mungen auf dem Wege der Entwicklung und regressive Prozesse
erweisen sich stets als determiniert durch frühe Fixierungs-
vorgänge im Bereich der Libido. Zwangsneurose und Melancholie
lassen nun trotz ihrer gemeinsamen Beziehung zur sadistisch-
analen Organisationsstufe dennoch grundlegende Gegensätze
erkennen, sowohl hinsichtlich der Phase, zu welcher die Libido
bei Ausbruch einer Erkrankung regrediert, als auch hinsichtlich
des Verhaltens zum Objekt, das vom Melancholiker aufgegeben,
vom Zwangsneurotiker festgehalten wird. Wenn demnach von
der sadistisch-analen Stufe dermaßen verschiedene pathologische
Vorgänge ihren Ausgang nehmen können, so muß diese
Stufe Gegensätze in sich schließen, die wir bisher
nicht zu differenzieren wußten. Mit anderen Worten:
Unsere Kenntnis von dieser Stufe der Libidoentwicklung muß
in wesentlicher Hinsicht ungenügend sein. Zu dieser letzteren
Auffassung bietet sich uns auch sonst reichlicher Anlaß.
Wir sind bisher mit drei Organisationsstufen der Libido
bekannt geworden, auf deren jeder die Vorherrschaft einer
bestimmten erogenen Zone zu bemerken war; in: zeitlicher
Folge handelt es sich um die Mund-, After- und Genitalzone.
TEICHE ee De
EEE EEE
12 Dr. Karl Abraham
Die der Analerotik angehörigen libidinösen Regungen finden
wir aber auf dieser Stufe eng und vielfach verknüpft mit
sadistischen Antrieben. Ich habe schon einmal darauf verwiesen, '
daß wir seit Freuds Entdeckung die enge Verbindung dieser
beiden Triebgebiete ungezählte Male durch klinische Beob-
achtung bestätigt haben, ohne aber die Frage nach der Herkunft
dieses besonderen Verhältnisses zu stellen.
Wir lernten in den Psychoanalysen der Neurotiker. die
sadistische Verwendung der Exkretionsvorgänge kennen und
fanden sie in der Kinderpsychologie bestätigt. Wir haben auch
erfahren, wie ein Charakterzug — beispielsweise der Trotz —
sowohl sadistischen als analen Triebquellen entstammt. Aber wir
können aus solchen und ähnlichen Beobachtungen keine
Erklärung dieses Zusammenwirkens entnehmen.
Um einen Schritt nähern wir uns der Lösung der Frage,
wenn wir eine andere gesicherte Erfahrung der Psychoanalyse
heranziehen, die ich in der bereits zitierten Schrift (Seite 35 f.)
begründet habe. Sie besagt, daß sich eine volle Liebes-
fähigkeit nur auf der genitalen Stufe der Libido-
entwicklung einstellt. Das Zusammentreffen von Äuße-
rungen des Sadismus, insbesondere von gehässigen, feindseligen
und objektzerstörenden Regungen mit analerotischen Vorgängen
findet somit ein Gegenstück in der Verbindung objektfreundlicher
Tendenzen mit der genitalen Erotik.
Allein dies bedeutet, wie schon gesagt, nur eine Annäherung
an die Lösung des Problems. Dieses selbst bleibt unaufgeklärt,
solange wir nicht verstehen, warum auf einer bestimmten
Entwicklungsstufe die sadistischen Antriebe eine besondere
Affinität gerade zur Analerotik zeigen und nicht etwa zur
Mund- oder Genitalerotik. Da vermag uns nun wiederum die
psychoanalytische Empirie zu helfen.
Sie lehrt uns nämlich: |
1.) daß die Analerotik zweierlei einander entgegen-
gesetzte Lusttendenzen in sich birgt;
a EEE EEE ERBETEN TEE el Ei
I) „Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter.“ Zeitschr. 1923, Nr. 1.
)
2 A
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 13
2.) daß eine ebensolche Gegensätzlichkeit im
Bereich der sadistischen Impulse besteht.
Die Entleerung des Darminhaltes ruft eine lustvolle Reizung
der Analzone hervor. Zu dieser primitiven Form der Lust-
gewinnung gesellt sich alsbald eine ihr entgegengesetzte:
die Lust am Zurückhalten der Fäkalien.
Unsere psychoanalytischen Erfahrungen zeigen. nun mit einer
Deutlichkeit, die jeden Zweifel ausschließt, daß auf der mittleren
der drei Entwicklungsstufen der Libido die begehrte Person
als Gegenstand des Besitzes aufgefaßt und dementsprechend
mit der primitivsten Form des Besitzes, d.h. Körperinhalt, Kot,
gleichgesetzt wird.‘ Während auf der genitalen Stufe „Liebe*
die Übertragung eines positiven Gefühls auf das Objekt bedeutet
und eine psychosexuelle Anpassung an dieses in sich begreift,
wird auf der vorhergehenden Stufe das Objekt als Besitztum
behandelt. Und da nun in dieser Phase die Ambivalenz der
Gefühlsregungen noch uneingeschränkt besteht, so äußert sich
die positive Einstellung des Individuums zum Objekt als Fest-
halten an seinem Besitz, die negative Einstellung dagegen als
Ablehnung des Besitzes. Und somit bedeutet der Verlust des
Objektes, der in der Zwangsneurose dem Patienten droht und
in der Melancholie vollendete Tatsache ist, für das Unbewußte
des Kranken eine Ausstoßung des Objektes im Sinne
der körperlichen Ausstoßung des Kotes. |
Ich nehme an, daß jeder Psychoanalytiker diese Gleichsetzung
aus seiner Erfahrung wird.bestätigen können. Ich habe ihrer
in der wiederholt zitierten Abhandlung" ausführlicher gedacht.
Hier möchte ich vor allem darauf hinweisen, daß manche
Neurotische auf jeden Verlust — sei es ein Trauerfall, sei es
eine materielle Einbuße — anal reagieren. Je nach der unbewußten
Einstellung zu dem Verlust, die entsprechend der Ambivalenz
ihres Gefühlslebens natürlich auch wechseln kann, tritt Obstipation
oder Diarrhoe auf. Der Verlust wird also mit Hilfe der uns
I ne ea
ı) Vergl. meine zitierte Schrift („Ergänzungen* ete.),
14 Dr. Karl Abraham
bekannten „Organsprache* abgewehrt oder bekräftigt. Die Nach-
richt vom Tode eines nahen Angehörigen löst bei manchen
Menschen ein heftig drängendes Gefühl im Darm aus, so als
ob der ganze Darm hinausdränge oder als ob sich im Innern
etwas losrisse und auf analem Wege abgehen wolle. Ohne die
Überdeterminiertheit einer derartigen Reaktionsweise zu ver-
gessen, möchte ich hier nur die eine uns interessierende Ursache
berücksichtigen. Wir müssen nämlich in diesem Verhalten eine
vom Unbewußten festgehaltene archaische Form der Trauer
erblicken. Sie verdient einem von Röheim erwähnten Ritus
primitiver Völker an die Seite gestellt zu werden; dieser besteht
darın, daß die Angehörigen auf dem Grabe eines soeben
bestatteten Familienmitgliedes ihren Kot entleeren.
Es ist erwähnenswert, daß unsere Sprache die Gleichsetzung
des Verlierens mit der Kotentleerung noch in deutlichen Spuren
bewahrt. So bezeichnet die deutsche Sprache den Kot der
Tiere als „Losung“, die Verwandtschaft dieses Wortes mit „los“
und dem englischen „lose“ = „verlieren“ ist leicht erkennbar.
Ein sonderbares Zeremoniell einer neurotischen Frau, das uns in diesem
Zusammenhange verständlich wird, habe ich am erwähnten Ort mitgeteilt.
Eine Frau, welche die analen Charakterzüge in stärkster Ausprägung darbot,
war im allgemeinen unfähig, unbrauchbar gewordene Gegenstände fort-
zuwerfen. Zuweilen zeigte sich aber bei ihr der Drang, sich dennoch
€ines solchen zu entäußern. Sie hatte nun eine Methode erfunden, um
sich gewissermaßen zu überlisten. Sie ging dann von ihrer Wohnung aus
in den benachbarten Wald. Beim Verlassen des Hauses steckte sie den
zu beseitigenden Gegenstand — etwa ein altes Kleidungsstück — mit dem
Zipfel unter das Schürzenband an ihren Rücken. Auf dem Wege durch
den Wald „verlor“ sie ihn. Sie kehrte auf einem anderen Wege heim,
um des Gegenstandes nicht wieder ansichtig zu werden. Um den Besitz
eines Objektes aufzugeben, mußte sie es also an der Rückseite ihres
Körpers fallen lassen.
Doch nichts ist so beredt und in unserem Sinne beweisend
wie die Äußerungen der Kinder. In einer Budapester
Familie bedrohte ein kleiner Knabe seine Bonne mit den
Worten: „Wenn du mich ärgerst, dann scheiße ich dich nach
Ofen hinüber.“ (Ofen ist der Stadtteil auf der anderen Seite
r) Mitteilung von Dr. Eisler in Budapest.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 15
der Donau.) In der Denkweise des- Kindes entledigt man sich
einer Person, die man nicht mehr liebt, auf dem Wege der
Defäkation! | |
Uns Erwachsenen ist diese ursprüngliche Gleichsetzung von
Beseitigung und Verlieren mit Defäkation entfremdet, ja so weit
entfremdet, daß die Psychoanalyse in mühevoller Arbeit jene
Spuren des primitiven Denkens aufdecken muß und dann
noch bei den Menschen ein ungläubiges Kopfschütteln
erregt. Gewisse psychologische Produkte lassen uns aber jene
Denkform als unbewußtes Allgemeingut erkennen, so zum
Beispiel Mythen, Folklore und Sprache. Ich erwähne nur einen
verbreiteten Ausdruck der Studentensprache. Wird ein Student
von seinen Kameraden wegen einer Verfehlung von ıhren
offiziellen Veranstaltungen ausgeschlossen, also gewissermaßen
exkommuniziert, so heißt das in der herkömmlichen Bezeich-
nung: „Er gerät in Verschiß.“ Die Ausstoßung einer Person
wird hier offensichtlich mit der körperlichen Ausstoßung gleich-
gesetzt.
Auch im Sadismus als Partialtrieb der kindlichen Libido
tritt uns der Gegensatz zweier Lusttendenzen entgegen. Die
eine strebt nach Vernichtung, die andere nach Beherr-
schung des Objektes (oder der Objektwelt). Daß die
letztere, konservative Tendenz, welche dem Objekt Schonung
angedeihen läßt, durch den Prozeß der Verdrängung aus der
ursprünglicheren destruktiven Triebrichtung entstanden ist, soll
später ausführlich dargelegt werden. Hier mag es genügen,
auf den Vorgang im allgemeinen hinzuweisen und nur vor-
wegnehmend zu bemerken, daß wir durch die Psychoanalyse
durchaus in den Stand gesetzt sind, diese frühen und die
ihnen nachfolgenden Entwicklungsstadien der Objektliebe zu
begreifen. Gegenwärtig interessiert uns nur die sadistische
Tendenz, die sich gegen den ‚Bestand des Objektes richtet.
Die Beseitigung oder der Verlust eines Objektes kann also vom
Unbewußten sowohl als sadistischer Vorgang der Vernichtung
wie als analer Vorgang der Ausstoßung betrachtet werden.
I
|
16 Dr. Karl Abraham
Es mag hier der bemerkenswerten Tatsache gedacht werden,
daß die verschiedenen Sprachen das „Verlieren“ in zwei ver-
schiedenen Arten auffassen, die vollkommen unseren psycho-
analytischen Erfahrungen entsprechen. Das deutsche „Verlieren“
und das englische „lose“ entsprechen der analen Auffassung des
Loslassens; so auch das lateinische amittere. Das griechische
ArolAdyar und das spätlateinische Jerdere bedeuten hingegen
„verderben, vernichten“. Nebenbei sei an Freuds Analyse
des Verlierens als unbewußt motivierte Beseitigungstendenz
erinnert; sie findet in den Sprachen, welche das Verlieren ohne
weiteres mit Vernichten gleichsetzen, eine schöne Bestätigung.
Wie nahe die analen und sadistischen Beseitigungstendenzen
im menschlichen Unbewußten miteinander verbunden - sind,
lehrt uns ebenfalls ein Blick auf gewisse sprachliche Aus-
drucksformen. In den verschiedensten Sprachen findet sich die
Tendenz, die dem menschlichen Sadismus entspringenden
Handlungen durch nur andeutende Bezeichnungen auszudrücken.
Diese aber werden denjenigen Tätigkeiten entnommen, welche
wir auf Grund der psychoanalytischen Erfahrungen von
ursprünglich analerotischen und koprophilen Antrieben her-
leıten. Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie diese
Neigung während des verflossenen großen Krieges in den
Heeresberichten aller beteiligten Völker hervortrat. Da wurden
Gebiete vom Feinde „gesäubert‘; Schützengräben wurden
„aufgeräumt“. In den französischen Berichten hieß das Gleiche
nettoyer, in den englischen c/eaning up oder mopping up.
Die Psychoanalyse der Neurosen zeigt uns, wie die kon-
servatıven Tendenzen analer und sadistischer Herkunft —
Behalten und Beherrschen — miteinander in vielfache Ver-
bindung treten und sich gegenseitig verstärken. Das gleiche
gilt für die destruktiven Strebungen aus beiden Quellen,
d. h. die Antriebe zum Ausstoßen und Vernichten des
Objekts. Ihr Zusammenwirken wird uns in der Psychologie
der melancholischen Zustände besonders verdeutlicht; darauf
wird später genauer einzugehen sein.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido . 17
nn nn nn
Dagegen bedarf es an dieser Stelle einer kurzen Würdigung
des Zusammenwirkens der analen und sadistischen Trieb-
äußerungen im Zwangscharakter. Wir erklären uns den über-
betonten Drang nach Reinlichkeit im Zwangscharakter aus
einer Reaktionsbildung gegen koprophile Tendenzen, die
besondere Ordnungsliebe aus verdrängten oder sublimierten
analerotischen Antrieben. Diese Auffassung, so unzweifelhaft
richtig sie uns auf Grund reicher Empirie erscheint, ist in
gewissem Sinne einseitig; sie trägt der Überdeterminierung
psychischer Phänomene nicht genügend Rechnung.
Im Ordnungs- und Reinlichkeitszwang unserer Patienten
vermögen wir auch das Mitwirken sublimierter sadistischer
Triebkräfte nachzuweisen. In meinem erwähnten Aufsatz habe
ich bereits an Beispielen zu erweisen gesucht, wie der Ordnungs-
zwang zugleich einer Herrschsucht des Neurotikers Ausdruck
gibt. Den Dingen wird Gewalt angetan; sie werden in ein
bestimmtes pedantisch eingehaltenes System gepreßt. Nicht
selten aber werden auch Personen gezwungen, sich diesem
System anzupassen. Denken wir etwa an den Reinigungszwang
neurotischer Hausfrauen! Sie verfahren oftmals so, daß kein
Gegenstand seine Ruhe haben darf. Die ganze Wohnung wird
in Aufruhr versetzt, und andere Personen werden gezwungen,
sich den krankhaften Trieben zu fügen. In ausgeprägten Fällen
des Zwangscharakters, wie sie uns etwa in der Hausfrauen-
neurose und im neurotisch gesteigerten Bureaukratismus ent-
gegentreten, macht sich Herrschsucht in unverkennbarer
Weise bemerkbar. Es mag noch auf die sadistischen Zuschüsse
zu dem bekannten analen Charakterzug des Eigensinns verwiesen
werden, um erkennen zu lassen, auf welchen Wegen anale
und sadistische Triebkräfte zusammenfließen.
Um nun den psychologischen Vorgang beim Ausbruch einer
_ Zwangsneurose und einer Melancholie verständlicher zu machen,
muß noch einmal auf die Zeiträume im Leben des Patienten
zurückgegriffen werden, die wir als relativ symptomfrei
bezeichneten. Die „Remission“ beim Zwangsneurotiker, das
2
18 Dr. Karl Abraham
„Intervall“ beim Manisch-Depressiven stellen sich uns als Zeiten
geglückter Sublimierung analer und sadistischer Triebe dar.
Ruft nun ein bestimmter Anlaß die Gefahr des „Objektverlustes“
in dem früher. erörterten Sinne hervor, so erfolgen bei den
Kranken beider Gruppen heftige Reaktionen. Die ganze Kraft
der positiven Fixierungen der Libido erhebt sich gegen das
drohende Überhandnehmen der objektfeindlichen Strömung.
Wo nun die konservativen Tendenzen — das Behalten und
Beherrschen — überwiegen, da ruft der Konflikt mit dem
Liebesobjekt Erscheinungen des psychischen Zwanges hervor.
Siegen dagegen jene anderen sadistisch-analen Tendenzen, welche
das Objekt zu vernichten und auszustoßen trachten, dann gerät
das Individuum in einen melancholischen Depressionszustand.
Daß der Melancholie nicht selten Zwangssymptome, der
Zwangsneurose depressive Gemütsveränderungen beigemischt
sind, wird uns nicht verwunderlich erscheinen. In solchen Fällen
haben sich die destruierenden, beziehungsweise die konservieren-
den Antriebe nicht mit vollkommener Einheitlichkeit durchsetzen
‚können. Im allgemeinen aber sehen wir entweder die Tendenz
| zur manisch-depressiven Symptombildung oder diejenige zur
: Produktion von Zwangserscheinungen im Krankheitsbild durch-
| aus vorherrschend. Tiefere Einblicke in die Ursachen dieses
gegensätzlichen Verhaltens können wir jedoch jetzt noch nicht
gewinnen.
Die tägliche psychoanalytische Erfahrung und die unmittel-
| bare Beobachtung der Kinder berechtigen uns zu der Auffassung,
die auf Vernichtung und Ausstoßung des Objektes gerichteten
Antriebe seien die ontogenetisch älteren. Die normale Ent-
wicklung der Psychosexualität führt zu dem Ergebnis, daß das
Individuum zur Objektliebe befähigt wird. Der Weg aber, der
vom anfänglichen Autoerotismus des Kindes zur vollkommenen
Objektliebe führt, ist noch genauerer Untersuchung bedürftig.
Doch so viel darf als erwiesen angesehen werden, daß die
Libido des Kindes zunächst objektlos (autoerotisch) ist, dann
im Ich ihr erstes Objekt findet und erst in einem weiteren
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 19
Entwicklungsstadium den Objekten sich zuwendet. Aber diese
Zuwendung trägt noch durch längere Zeit durchaus den
Charakter der Ambivalenz und erst: in einer verhältnismäßig
“späten Kindheitsperiode wird das Individuum zu vollkommener
Objektfreundlichkeit befähigt.
Vergleichen wir die Schicksale der Libido in der Zwangs-
neurose ‚und der Melancholie, so kann es für uns keinem
Zweifel unterliegen, daß der Zwangskranke, trotz seiner
Unsicherheit. im Verhältnis zum Objekt, sich vom normalen
Endziel der Entwicklung niemals so weit in regressiver Richtung
entfernt wie der Melancholiker. Denn am Anfang der depressiven
Erkrankung steht die vollständige Zerreißung der Objekt-
beziehungen.
Nötigte uns die psychoanalytische Erfahrung die Annahme
einer prägenitalen, sadistisch-analen Entwicklungsphase der
Libido ab, so sehen wir uns nunmehr vor die Notwendigkeit
gestellt, innerhalb dieser Phase zwei Stufen anzunehmen.
Auf der späteren von beiden walten die konservativen Tendenzen
des Festhaltens und Beherrschens vor, auf der früheren dagegen
die objektfeindlichen Strebungen des Vernichtens und Verlierens.
Die Regression zur späteren der beiden Stufen ermöglicht
dem Zwangsneurotiker, die Fühlung mit dem Objekt
aufrecht zu erhalten. In den ruhigen Zeiten der Remission
gelingt ihm eine weitgehende Sublimierung der. sadistischen
und analen Triebkräfte, so daß sein Verhalten zur Objektwelt
der oberflächlichen Betrachtung als normal erscheinen kann.
Nicht anders bei der Melancholie, deren Ausgang in
„Heilung“, d.h. psychische Gesundheit, sogar,von der klinischen
Psychiatrie behauptet wird. Denn auch dem Manisch-Depressiven
gelingt eine ähnliche Triebumsetzung während seiner symptom-
freien Zeiten. Gerät aber sein Ich in einen akuten Konflikt mit
dem Liebesobjekt, so ist die Aufhebung der Beziehungen zum
Objekt die nächste Folge. Und nun wird ersichtlich, daß bei
ihm die gesamten, dem „Zwangscharakter“ so ähnlichen
Sublimierungen und Reaktionsbildungen ihren Ausgang von
or
SE | Dakeal Abraham
der tieferen Stufe der sadistisch-analen Ent-
wicklungsphase genommen hatten.
Der Unterscheidung einer primitiven und einer späteren
sadistisch-analen Stufe scheint eine erhebliche prinzipielle
Bedeutung zuzukommen. Denn an der Grenze beider Ent-
wicklungsstadien setzt ein entscheidender Umschwung im Ver-
hältnıs des Individuums zur Objektwelt ein. Ja, wenn wir den
Begriff „Objektliebe“ in einem engeren Sinne fassen wollten,
so dürften wir aussagen, sie beginne an eben dieser Grenze,
weil von nun an die Tendenz zur Erhaltung des Objektes
überwiegt.
Die Grenze zwischen den beiden Stufen der sadistisch-
analen Organisation ist aber nicht bloß von theoretischem
- Interesse. Ihre Annahme gibt uns nicht allein ein klares Bild
einer bestimmten Periode der psychosexuellen Entwicklung des
Kindes, sondern sie verhilft uns auch zu tieferen Einblicken
in die regressiven Wandlungen der Libido ım Bereich der
Psychoneurosen. Es wird sich im weiteren herausstellen, wie
der Regressionsvorgang beim Melancholiker auf der früheren
sadıstisch-analen Stufe nicht halt macht, sondern unaufhaltsam
den noch primitiveren ÖOrganisationszuständen der Libido
zustrebt. Es gewinnt somit den Anschein, daß die Über-
schreitung jener Grenze besonders unheilvoll in. ihren Aus-
_ wirkungen ist. Die Auflösung der Objektbeziehungen scheint
die Libido in raschem Sturz von Stufe zu Stüfe abwärts zu
führen. | |
Schätzen wir die Grenzscheide der beiden sadistisch-analen
Stufen als so bedeutungsvoll ein, so befinden wir uns in gutem
Einklang mit der herkömmlichen ärztlichen Erfahrung. Denn
unsere aus der psychoanalytischen Empirie gewonnene Scheidung
fällt praktisch zusammen mit der Abgrenzung von Neurosen
und Psychosen in der klinischen Medizin. Nur werden wir
nicht versuchen, eine starre Unterscheidung nervöser und
geistiger Störungen durchzuführen, Vielmehr sind wir
gewärtig, daß die Libido eines Menschen in regressiver
De
Versuch einer Entwicklungsseschichte der Libido 21
Entwicklung die Grenze der beiden sadistisch-analen Stufen
überschreiten werde, sobald ein entsprechender Krankheits-
anlaß gegeben sei und wenn bestimmte, in der individuellen
Entwicklung seiner Libido entstandene Fixierungspunkte dazu
die Möglichkeit bieten. |
II
Objektverlust und Introjektion in der normalen
Trauer und in abnormen psychischen Zuständen
Unsere Untersuchung war vom „freien Intervall“ der
periodischen Depressions- und Exaltationszustände ausgegangen.
Sie darf sich nunmehr dem Vorgang zuwenden, der die eigent-
liche melancholische Erkrankung. einleitet, dem von Freud so
genannten Objektverlust und dem mit ihm eng verbundenen
Vorgang der Introjektion des verlorenen Liebesobjektes.
Freud hat in seinem Aufsatz über „Trauer und Melan-
cholie* den psychosexuellen Prozeß im Melancholiker in seinen
Grundzügen geschildert, so wie er ihn in gelegentlichen Behand-
lungen depressiver Kranker intuitiv erfaßt hatte. Eine Belegung
seiner Theorie mit ausreichenden kasuistischen Tatsachen fehlt
bisher in der psychoanalytischen Literatur. Was im folgenden
an solchem Material mitgeteilt wird, soll.aber nicht nur zur
Ilustration der Theorie dienen, sondern den Grund zu einer
eingehenden Würdigung des melancholischen Krankheits-
prozesses wie auch der Trauer legen. Es wird sich zeigen,
daß die Psychologie der Melancholie wie diejenige der Trauer
uns bisher nur unzureichend bekannt sind.:
Man begegnet hin und wieder Fällen von ausgeprägter
melancholischer Depression, welche den Prozeß des Verlustes
1) Was das mitzuteilende kasuistische Material-betrifft, so schließen
Gründe der Diskretion die Wiedergabe der mir zur Verfügung stehenden
vollständigen Analysen aus. Ich beschränke mich also darauf, instruktive
Ausschnitte aus verschiedenen Krankheitsfällen zu geben, wodurch übrigens
der Vorteil größerer Übersichtlichkeit gewonnen wird.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 23
und der Introjektion des Liebesobjektes auch ohne Psycho-
analyse erkennen lassen. Allerdings ist eine solche rasche
Erfassung des psychologischen Zusammenhanges erst möglich
geworden, seit Freud uns auf seime Grundzüge aufmerksam
gemacht hat. Ein besonders instruktives Beispiel hat mir kürz-
lich Herr Dr. Elekes in Klausenburg aus seiner psych-
iatrischen Anstalts-Praxis mitgeteilt. Eine Patientin wurde
wegen einer melancholischen Depression eingeliefert. Sie
äußerte wieder und wieder eine Selbstanklage: sie habe
gestohlen. In Wirklichkeit hatte die Patientin keinen Diebstahl
begangen. Wohl aber war ihr Vater, mit dem sie lebte und
an dem sie als unverheiratete Tochter mit ganzer Liebe
gehangen hatte, kurz zuvor wegen eines Diebstahls verhaftet
worden. Im Anschluß an diesen Vorgang, der sie nicht nur
im realen Sinn vom Vater trennte, sondern auch eine tiefe
seelische Reaktion im Sinne der Entfremdung vom Vater in
ihr hervorrief, brach die melancholische Störung aus. Dem
Verlust der’geliebten Person folgt die Introjektion unmittelbar
nach. Nun ist die Patientin es selbst, die gestohlen hat, und wir
können Freuds Auffassung nur bestätigen, nach welcher die
melancholischen Selbstanklagen Euch Anklagen gegen die
geliebte Person sind.
Sind sowohl der Verlust als die Introjektion des Objektes
in gewissen Fällen ohne Schwierigkeit zu erkennen, so ist
doch darauf hinzuweisen, daß eine Einsicht, wie die vorstehend
gegebene, durchaus oberflächlichen Charakter trägt, denn sie
läßt jedeErklärung des Vorganges vermissen. Der Zusammen-
hang des Objektverlustes mit den Tendenzen des Verlierens
und Vernichtens auf der früheren anal-sadistischen Stufe wird
erst durch regelrechte Psychoanalyse ersichtlich, ganz ebenso
wie der Charakter der Introjektion als orale Einverleibung. Ja,
der ganze, der Melancholie innewohnende Ambivalenzkonilikt
. bleibt einer solchen flüchtigen Betrachtungsweise verborgen.
Ich hoffe, mit Hilfe des später mitzuteilenden Tatsachenmaterials
diese Lücke unserer Kenntnis einigermaßen ausfüllen zu können.
24 Dr. Karl Abraham
Zunächst aber muß hier bemerkt werden, daß uns tiefere
Einblicke auch in den Vorgang der normalen Trauer insofern
noch fehlen, als von der direkten psychoanalytischen Erforschung
dieses Seelenzustandes bei Gesunden oder Neurotischen (die
Bezeichnung hier im Sinne der Übertragungsneurosen gebraucht!)
nichts bekannt geworden ist. Wohl hat Freud uns den wert-
vollen Hinweis gegeben, daß der schwere Ambivalenzkonflikt
des Melancholikers dem Gesunden fehlt. Aber in welcher
Weise die „Trauerarbeit“ im Gesunden sich vollzieht, bleibt
im einzelnen noch eine offene Frage. Eine Erfahrung der
jüngsten Zeit hat mir nun den lange entbehrten Einblick in
den normalen Vorgang der Trauer gegeben und mir gezeigt,
daß auch dieser auf den realen Objektverlust eine zeitweise
Introjektion der geliebten Person folgen läßt.
Einer meiner Analysanden: hatte das Unglück, daß seine Ehefrau
während seiner Behandlung schwer erkrankte, Sie befand sich in Erwar-
tung ihres ersten Kindes. Die schwere Erkrankung machte schließlich die
Unterbrechung der Gravidität durch Kaiserschnitt notwendig. Mein Analysand,
der eiligst hinzugerufen wurde, kam nach geschehener Operation an. Die
Operation aber rettete weder der Frau noch dem zu früh geborenen
Kinde das Leben. Mein. Analysand kehrte nach einiger Zeit nach Berlin
zurück. Die Fortsetzung der Psychoanalyse, besonders aber ein Traum
aus der folgenden Zeit ließen keinen Zweifel daran bestehen, daß sich an .
den schmerzlichen Verlust ein Introjektionsvorgang von oral-kannibalischem
‘ Charakter angeschlossen hatte.
Eine der auffälligsten seelischen Erscheinungen beim Analysanden
bestand zu jener Zeit in einer wochenlansen Unlust zur Nahrun gSs-
aufnahme. Sie stand mit seinen sonstigen Lebensgewohnheiten in
auffälligem Widerspruch, erinnerte dagegen an die Nahrungsverweigerung
der Melancholiker. Eines Tages löste sich die Eßunlust, und am Abend
hielt der Analysand eine ausgiebige Mahlzeit. In der nun folgenden Nacht
träumte er, er wohne der Sektion der jüngst Verstorbenen bei. Der
Traum hatte zwei miteinander kontrastierende Szenen. In der einen wuchsen
die zerschnittenen Leichenteile wieder zusammen, die Tote begann wieder
Lebenszeichen von sich zu geben, und der Träumer liebkoste sie unter
Gefühlen höchsten Glückes. In der anderen: Traumszene ändert der Anblick
der Sektion seinen Charakter, und der Träumer wird an geschlachtete
Tiere in einem Fleischhauerladen erinnert,
ET N TE AT EEE RE TE ee
t) Der Analysand hat mich aus eigenem wissenschaftlichen Interesse
zur Verwendung der nachfolgenden Beobachtung autorisiert.
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Zr
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 25
—
Die im Traum zweimal dargestellte Sektion knüpfte an die Operation
(sectio Caesarea) an. In dem einen Traumbild geht sie in die Wieder-
belebung der Toten über, in dem anderen verknüpft sie sich mit
kannibalischen Assoziationen. Unter den vom Träumer gegebenen
erläuternden Einfällen ist besonders bemerkenswert, daß sich an den
Anblick der Leichenteile die Erinnerung an die Mahlzeit des Vorabends
assoziierte, besonders an ein genossenes Fleischgericht.
Wir sehen also einen Vorgang im Traum zwei verschiedene
Ausgänge nehmen, die nebeneinander gestellt sind, wie wir es
so häufig finden, wenn der Traum ein „Gleichwie“ zum Aus-
druck bringen will. Das Verzehren des Fleisches der Verstorbenen
wird mit ihrer. Wiederbelebung gleichgesetzt. Nun haben
wir aus Freuds Untersuchung des melancholischen Introjek-
tionsprozesses erfahren, daß durch diesen das verlorene Objekt
tatsächlich wiederbelebt wird: Es wird im Ich wieder auf-
gerichtet. In unserem Falle hatte der Trauernde sich eine
Zeitlang dem Schmerze überlassen, als ob es keinen Ausweg
aus diesem gäbe. Die Unlust zur Nahrungsaufnahme schließt
ein Spielen mit dem eigenen Tode in sich, als ob nach
dem Tode des Liebesobjektes das eigene Leben seinen Reız
verloren hätte. Die Schokwirkung des Verlustes wird aus-
geglichen durch den unbewußten Vorgang der Introjektion
des verlorenen Objektes. Während dieser Prozeß sich voll-
zieht, wird der Trauernde wieder in den Stand gesetzt, sich
wie früher zu ernähren, und zugleich kündigt sein Traum
das Gelingen der „Trauerarbeit* an. Die Trauer enthält den
Trost: Das Liebesobjekt ist nicht verloren, denn
nun trage ich es in mir und kann es niemals
verlieren! |
Wir erkennen hier das gleiche psychische Geschehen wie im
melancholischen Krankheitsprozeß. Es wird später darauf ein-
zugehen sein, daß die Melancholie eine archaische Form der
Trauer darstellt. Die vorstehende Beobachtung aber läßt uns
darauf schließen, daß die Trauerarbeit des Gesunden
sich in tiefen psychischen Schichten ebenfalls
in der archaischen Form vollzieht.
26 Dr. Karl Abraham
Während der Niederschrift dieser Abhandlung finde ich, daß
bereits ein anderer Autor der Erkenntnis des Introjektionsvor-
ganges in der normalen Trauer nahe gekommen ist. In seinem
kürzlich erschienenen „Buch vom Es“ (S. 124) führt Groddeck
das Ergrauen eines Patienten im Anschluß an den Tod des
Vaters auf die unbewußte Tendenz zurück, sich dem greisen
Vater anzuähneln, ihn dadurch gleichsam in sich aufzunehmen
und nun seinen Platz bei der Mutter zu gewinnen.
Ich sehe mich hier genötigt, aus eigenem Erleben einen Beitrag zu
dieser Frage zu liefern. Als im Jahre 1916 Freuds oft zitierter Aufsatz
über „Trauer und Melancholie“ erschien, bemerkte ich an mit eine sonst
nicht erlebte Schwierigkeit, den Gedankengängen des Autors zu folgen. Ich
verspürte die Neigung, die „Introjektion des Liebesobjekts* zu verwerfen,
trat aber dieser Neigung selbst entgegen, indem ich vermutete, die Ent-
deckung des Meisters auf diesem mich selbst so stark interessierenden
Gebiet rufe vielleicht ein affektbedingtes „Nein“ bei mir hervor. Erst später
erkannte ich, daß diesem nächstliegenden Motiv keine ausschlaggebende
Bedeutung zukommen konnte.
Gegen Ende des vorangegangenen Jahres (1915) warich durch den Tod
meines Vaters in Trauer versetzt worden; diese verlief unter Erscheinungen,
die ich damals nicht auf einen Prozeß der Introjektion zurückzuführen
vermochte. Die auffälligste Erscheinung war ein plötzliches starkes
Ergrauen des Kopfhaares, dem nach einigen Monaten ein Wiederzunehmen
des Haarfarbstoffes folgte. Ich begnügte mich damals mit der Erklärung
des Phänomens aus der durchlebten Gemütsbewegung. Doch muß
ich mich hinsichtlich des tieferen Zusammenhanges zwischen Trauer
und Ergrauen der Haare Groddecks zitierter Anschauung durchaus
anschließen.
Ich hatte meinen Vater einige Monate vor seinem Tode zum letztenmal
gesehen. Als Kriegsteilnehmer zu kurzem Urlaub in meiner Heimat weilend,
fand ich ihn stark gealtert und sehr geschwächt; besonders prägte sich
mir der Anblick des fast weiß gewordenen Kopf- und Barthaares ein, das
während des Krankenlagers länger als sonst gewachsen war. Dieser letzte
Besuch bei meinem Vater blieb in der Erinnerung besonders innig mit
dem geschilderten Eindruck verknüpft. Begleitende Umstände und Erschei-
nungen, von deren Wiedergabe ich hier absehen muß, lassen mich das
Phänomen des vorübergehenden Ergrauens bei mir selbst auf einen
Introjektionsvorgang zurückführen.
- Als das wesentliche Motiv, aus welchem ich anfänglich der Freud-
schen Theorie des melancholischen Krankheitsprozesses ablehnend
gegenüberstand, wird nunmehr meine eigene Neigung erkennbar, im
Zustande der Trauer von dem nämlichen Mechanismus Gebrauch zu
machen.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 27
Stimmt dieser Introjektionsvorgang in der Trauer des
Gesunden (und des Neurotikers) mit dem melancholischen
Introjektionsvorgang ım Prinzip überein, so muß andererseits
doch auf die wesentlichen Unterschiede hingewiesen werden.
Beim Gesunden schließt sich der Vorgang an einen Realverlust
(Todesfall) an und ‚dient überwiegend der Tendenz, die Be-
ziehung zu dem Verstorbenen zu konservieren oder — was das-
selbe ist — den erlittenen Verlust zu kompensieren. Niemals
wird: das Bewußtsein von ihm in der Weise überwältigt, wie es
beim Melancholiker geschieht. Der melancholische Introjektions-
prozeß dagegen folgt auf eine fundamentale Störung der
lıbidinösen Beziehung zum Objekt. Er ist der Ausdruck eines
schweren Ambivalenzkonfliktes, dem das Ich sich nur dadurch
zu entziehen vermag, daß es die dem Objekt geltende Feind-
seligkeit auf sich selbst nimmt.
Wir sind neuerdings, besonders durch die letzten Forschungen
Freuds, darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Vor-
gang der Introjektion im menschlichen Seelenleben bedeutend
weiter verbreitet ist als bisher angenommen wurde. Ich habe
hier namentlich auf eine Bemerkung Freuds"! zur Psycho-
analyse der Homosexualität Bezug zu nehmen. Nach der
Auffassung des Autors, die er ohne tatsächliche Belege erwähnt,
würden gewisse Fälle der Homosexualität darauf zurückzuführen
sein, daß das Individuum sich den gegengeschlechtlichen Eltern-
teil introjiziert hat. Ein junger Mann wäre also in solchen
Fällen männlichen Personen zugeneigt, weil er durch einen
psychologischen Prozeß der Einverleibung die Mutter in sich
aufgenommen hat und nun in ihrer Art auf männliche Personen
reagieren muß. Wir hatten bisher hauptsächlich von einer
anderen Entstehungsursache der Homosexualität Kenntnis
erhalten. Wir erfuhren aus unseren Analysen Homosexueller
in der Regel, daß eine Liebesenttäuschung den Sohn von der
Mutter fort zum Vater trieb, dem gegenüber er sich nun mit der
1) „Massenpsychologie“ ıg21, Seite 731.
28 / Dr. Karl Abraham
nn —— ———— —
mn m [nn nn nn
Mutter identifizierte, wie es sonst die Art der Tochter ist. Vor
kurzem konnte ich mich nun durch eine meiner Psychoanalysen
von dem Vorliegen beider Entwicklungsmöglichkeiten ım gleichen
Fall überzeugen. Ein Patient mit bisexueller, jedoch zurzeit
homosexueller Einstellung der Libido, hatte nämlich zweimal
— zuerst in früher Kindheit und hernach im Pubertätsalter —
eine Wendung seiner Libido zur Homosexualität erlebt. Erst
das zweite Mal ging mit einem Vorgang einher, den wir als
eine vollkommene Introjektion bezeichnen müssen, weil das Ich
des Patienten tatsächlich vom introjizierten Objekt aufgezehrt
wurde. Ich kann nicht umhin, hier einen Auszug seiner Psycho-
analyse zu geben. Die mitzuteilenden Tatsachen erscheinen mir
nicht nur bedeutungsvoll für unser Verständnis der Introjektion,
sondern werfen auch ein Licht auf gewisse Erscheinungen der
Manie und Melancholie.
Der Patient war das jüngere von zwei Kindern und war in seinen
ersten Lebensjahren ein in jedem Sinne verwöhntes Kind. Die Mutter
stillte ihn noch während seines zweiten Lebensjahres mit der Brust,
gestattete ihm auf sein stürmisches Begehren diesen Genuß auch noch
ziemlich oft im dritten Lebensjahre. und entwöhnte ihn erst mit drei
Jahren. Mit der Entwöhnung, die unter großen Schwierigkeiten erfolgte,
traf nun zeitlich eine Reihe von Ereignissen zusammen, die den verwöhnten
Knaben plötzlich seines Paradieses beraubten. Er war bisher der Liebling
der Eltern, der um drei Jahr älteren Schwester und der Kinderfrau
gewesen. Die Schwester starb, die Mutter zog sich in eine abnorm betonte
und langdauernde Trauer zurück und gehörte nun dem Knaben noch
weniger, als es schon durch die Entwöhnung bedingt war. Die Kinderfrau
verließ die Familie. Die Eltern des Patienten aber ertrugen das Leben in
dem bisherigen Hause nicht, da sie sich beständig an das verstorbene
ältere Kind erinnert fühlten. Man zog in ein Hotel und später in ein
neues Haus. Mein Patient hatte durch diese Verkettung von Umständen
alles verloren, was ihm bis dahin an Mütterlichkeit zuteil geworden war.
Die Mutter hatte ihm zuerst die Brust entzogen und sich dann in ihrer
Trauer auch psychisch gegen ihn abgesperrt. Schwester und Kinderfrau
waren nicht mehr da, und selbst das Haus — ein so wichtiges Symbol
- der Mutter — existierte nicht mehr. Es ist nicht zu verwundern, daß sich
das Liebesbedürfnis des Knaben dem Vater zuwandte. Nach dem Einzug
in das neue Haus neigte der Kleine sich außerdem einer freundlichen
Nachbarin zu und bevorzugte sie ostentativ vor der Mutter, Die Spaltung
der Libido, die sich teils dem Vater, teils einer Frau als Mutterersatz
zuwandte, wird bereits hier sichtbar. In den folgenden Jahren aber
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 29
nn nn nt anne
verband den Knaben ein starkes erotisches Interesse mit älteren Knaben,
die körperlich dem Typus des Vaters angehörten.
Eine Rückwendung der Libido vom Vater zur Mutter trat in der
späteren Kindheit des Patienten ein, als sich der Vater mehr und mehr
dem Trunke ergab. Diese Eike der Libido blieb eine Reihe von
Jahren vorherrschend. Im halberwachsenen Alter verlor der Patient seinen
Vater durch den Tod und lebte nun mit der Mutter, der er jetzt liebevoll
zugetan war. Aber nach kurzer Witwenschaft heiratete die Mutter wieder
‚und ging mit ihrem Mann_ für längere Zeit auf Reisen. Sie stieß damit
die Liebe des Sohnes aufs neue von sich ab, während der Stiefvater
zugleich seinen Haß erregte.
Es folgte eine neue Welle von homosexueller Erotik, Aber nunmehr
galt die Sympathie einem anderen Typus junger Männer, der körperlich
in bestimmten Eigenschaften durchaus der Mutter des Patienten ent-
sprach. Der früher bevorzugte und der jetzt geliebte Typus junger Männer
repräsentierten vollkommen den Gegensatz, welcher zwischen Vater und
Mutter des Patienten in den betreffenden . körperlichen Beziehungen
bestand. Hier ist zubemerken, daß der Patient selbst in diesen Beziehungen
durchaus der Mutter glich. Zu dieser zweiten Art von jungen Männern,
die von nun an bevorzugte Objekte seiner Libido waren, verhielt er sich
aber nach seiner eigenen Schilderung zärtlich-liebevoll und
fürsorglich wie eine Mutter.
Nach einer Reihe von Jahren starb die Mutter des Patienten. Er weilte
während ihrer letzten Krankheit bei ihr und hielt die Sterbende in seinen
Armen. Die starke Nachwirkung dieses Erlebnisses erklärt sich in tieierer
Schicht daraus, daß es eine vollkommene Umkehrung der unvergessenen
Situation darstellte, in-welcher der Patient als kleines Kind in den Armen
und an der Brust der Mutter gelegen hatte.
Kaum war die Mutter gestorben, so eilte der Sohn in die benachbarte
Stadt, in welcher er sonst lebte, zurück. Seine Affektlage aber war keines-
wegs die eines Trauernden, sondern gehoben, glückselig. Er schildert, wie.er
von dem Gefühl beherrscht war, die Mutter nun für immer und unverlierbar
in sich zu tragen. Eine innere Unruhe bezog sich nur auf die Beerdigung der
Mutter. Es war, als störte ihn die Tatsache, daß der Körper der Mutter noch
sichtbar im Sterbehause lag. Erst nach der Beerdigung konnte er sich dem
geschilderten Gefühl des unverlierbaren Besitzes der Mutter hingeben.
Wäre es mir möglich, noch weitere Einzelheiten aus dieser
Psychoanalyse zu veröffentlichen, so würde der Vorgang der
„Einverleibung* der Mutter noch evidenter zutage treten.
Doch dürften die mitgeteilten Tatsachen bereits eine deutliche
Sprache reden.
Die Introjektion des Liebesobjektes hat in diesem Falle ein-
gesetzt, als der Patient die Mutter durch ihre Wiederver-
oe
30 | Dr. Karl Abraham
—
heiratung verlor. Das Ausweichen der Libido zum Vater, wie
es sich im vierten Lebensjahre des Patienten zugetragen hatte,
konnte sich nicht wiederholen; der Stiefvater erwies sich als
ungeeignet, die Libido des Patienten zu binden. Das letzte
Objekt der infantilen Liebe, das dem Patienten noch geblieben
war — nämlich die Mutter — war zugleich sein erstes. Er
wehrte sich gegen diesen schwersten Verlust, der ihn betreffen
konnte, auf dem Wege der Introjektion.
Das Gefühl der Glückseligkeit, welches sich aus diesem
Vorgang ergab, steht nun in einem erstaunlichen Kontrast zu
der schweren seelischen Last, die sich für den Melancholiker
aus dem analogen psychischen Prozeß ergibt. Die Ver-
wunderung weicht, wenn wir uns der Aufklärungen erinnern,
die uns Freud bereits über den melancholischen Introjektions-
vorgang gegeben hat. Seine Bemerkung, der „Schatten des
verlorenen Liebesobjektes sei auf das Ich gefallen“, brauchen
wir nur ins Gegenteil zu verkehren. In dem soeben geschil-
derten Fall hat sich nicht der Schatten, sondern der strahlende
Glanz der geliebten Mutter dem Ich des Sohnes mitgeteilt.
Dies konnte geschehen, weil nach dem realen Verlust des
Liebesobjektes auch beim normalen Menschen die zärtlichen
Gefühle mit Leichtigkeit die feindlichen Regungen beiseite
drängen. Anders beim Melancholiker! Denn bei ihm finden
wir ım Bereich der Libido einen so schweren Ambivalenz-
konflikt, daß jedes Liebesgefühl unmittelbar von gegensätz-
lichen Regungen bedroht wird. Irgendeine „Versagung“, eine
Enttäuschung durch das Liebesobjekt, läßt eines Tages eine
übermächtige Welle des Hasses entstehen, der die allzu labilen
Liebesgefühle rasch erliegen. Die Aufhebung der positiven
Besetzung führt hier zu der tiefgreifendsten Folge, d. h. zum
Aufgeben des Objektes. In dem oben geschilderten,
nicht melancholischen Falle hingegen ging der reale Ver-
lust voraus und zog eine Libidoveränderung nach sich.
II
Der Introjektionsvorgang in der Melancholie
Zwei Stufen der oralen Entwicklungsphase
der. Libido
Den weiteren Ausführungen über den Introjektionsvorgang
bei der Melancholie möge ein besonders instruktives Beispiel
vorausgehen.
Der Patient, von welchem ich zu berichten habe, hatte bereits mehrere
typische melancholische Erkrankungen hinter sich, als ich ihn kennen
lernte. Er befand sich in der Rekonvaleszenz von einem solchen Zustand,
als wir seine Psychoanalyse begannen. Die vorausgegangene schwere
Krankheitsperiode hatte unter bemerkenswerten Umständen begonnen.
Der Patient stand seit längerer Zeit einem jungen Mädchen nahe und
hatte sich mit ihr verlobt. Aus Anlässen, die hier nicht näher zu erörtern
sind, hatte seine Zuneigung einem heftigen Widerstand Platz gemacht.
Es kam zu einer völligen Abwendung vom Liebesobjekt — dessen Identi-
fizierung mit der Mutter durch seine Psychoanalyse evident wurde —
und zu einer Depression mit ausgeprägter Wahnbildung. In der Re-
konvaleszenz geschah nun eine Wiederannäherung an die Verlobte, die
trotz seiner Ablehnung zu dem Patienten gehalten hatte. Aber nach einiger
Zeit erfolgte ein kurzdauernder Rückschlag, dessen Entstehen und Ver-
schwinden ich als Analytiker vollkommen beobachten konnte.
Der Widerstand gegen die Verlobte, der unverkennbar wieder zutage
trat, äußerte sich unter anderem durch eine „passagere Symptombildung‘“.
Während der Tage, in welchen die Stimmung sich im depressiven Sinne
verschlechterte, unterlag der Patient einem Zwang, seinen Darmschließ-
muskel zu kontrahieren. Das Symptom erwies sich als mehrfach deter-
miniert. Hier interessiert besonders seine Bedeutung im Sinne eines
krampfhaften Festhaltens des Darminhaltes. Von letzterem wissen wir, daß
er für unser Unbewußtes das Prototyp des Besitzes darstellt. Jene
passagere Erscheinung war also einem körperlichen Festhalten dessen
gleichzusetzen, was ihm aufs neue verloren zu gehen drohte. Eine andere
Determinierung sei hier nur nebenbei vermerkt. Es ist die passiv-homo-
32. Dr. Karl Abraham
sexuelle Einstellung zum Vater, in welche der Patient jedesmal zu geraten
drohte, wenn er sich von der Mutter oder einem Mutterersatz abwandte.
Die in dem Symptom liegende Abwehr richtet sich also gleichermaßen
gegen den Objektverlust wie gegen die Wendung zur Homosexualität.
Wir haben mit Freud angenommen, daß sich beim Melancho-
liker an den Objektverlust ein Restitutionsversuch anschließt.
Was in der Paranoia in einer spezifischen Weise durch den
Prozeß der Projektion erreicht wird, geschieht in der
Melancholie mit anderem Erfolg auf dem Wege der Intro-
jektion. Mit der soeben geschilderten Symptombildung im
Beginn eines kurzdauernden Rezidivs war es bei dem Patienten
nicht abgetan. Vielmehr berichtete er mir einige Tage später
und wiederum völlig spontan von einem zweiten Symptom,
welches das erstgeschilderte sozusagen abgelöst hatte. Auf der
Straße war die zwanghafte Phantasie aufgetreten, herum-
liegenden Kot zu essen. Sie. erwies sich als Ausdruck der
Tendenz, das als Kot ausgestoßene Liebesobjekt dem Körper
in Gestalt von Kot wieder einzuverleiben. Hier ergibt sich uns
also eine buchstäbliche Bestätigung unserer Annahme, daß
das Unbewußte den Objektverlust als analen, die Introjektion
als oralen Vorgang auffaßt und bewertet.
Der Impuls zur Koprophagie scheint mir eine für die
Melancholie typische Symbolik zu enthalten. Nach meinen
übereinstimmenden Erfahrungen bei verschiedenen Patienten
ist das Liebesobjekt die Zielscheibe bestimmter Impulse, wie
sie der tieferen anal-sadistischen Organisationsstufe entsprechen;
es sind die Antriebe zum (analen) Ausstoßen und zum Ver-
nichten (Ermorden). Das Produkt der Ermordung — die Leiche
— wird mit dem Produkt der Ausstoßung — dem Kot —
identifiziert. Wir verstehen nunmehr den Antrieb zum Kot-
essen als einen kannibalischen Impuls zum Verzehren
des getöteten Liebesobjekts. Ich fand bei einem meiner
Patienten die Vorstellung vom Kotessen verknüpft mit der
Vorstellung der Strafe für schwere Schuld, und zwar mit
psychologischem Recht, wie wir hinzufügen dürfen; mußte er
doch auf diesem Wege ein Verbrechen wieder gut machen,
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 33
.—
dessen Identität mit der Ödipustat wir noch verstehen lernen
werden.” Schon hier sei aber auf die bemerkenswerten Mit-
teilungen über Nekrophagie hingewiesen, welche Röheim auf
dem Psychoanalytischen Kongreß 1922 machte, Sie legen uns
die Auffassung nahe, daß die Trauer in ihrer archaischen
Form ım Verzehren des Getöteten ihren Ausdruck findet.
Nicht immer offenbart sich die Bedeutung melancholischer
Symptome im Sinne der Abstoßung und Wiedereinverleibung
des Liebesobjektes so leicht ‘und einfach wie in dem soeben
geschilderten Beispiel. In welchem Maße diese Tendenzen
unkenntlich gemacht sein können, möge eine Beobachtung
zeigen, welche der Psychoanalyse eines anderen Patienten
entstammt.
Er berichtete mir eines Tages, daß er im Depressionszustand eine eigen-
tümliche Neigung bei sich bemerkt habe. Im Beginn der Depression sei
er stets mit gesenktem Kopf gegangen. Wenn seine Augen dann mehr
dem Boden als den vorübergehenden Menschen zugewandt waren, so
achtete er mit einem zwanghaften Interesse darauf, ob Perlmutterknöpfe
auf der Straße lägen. Fand er einen solchen, so nahm er ihn und steckte
ihn in die Tasche. Diesen öfter wiederholten Handlungen gab er die
rationalisierende Begründung, er habe im Beginn der Depression ein
solches Gefühl der Minderwertigkeit, daß er froh sein müsse, wenn er
auch nur ein Knöpfchen auf der Straße finde. Er wisse ja nicht, ob er je
wieder fähig sein werde, auch nur so viel Geld zu verdienen, um sich die
geringste Kleinigkeit kaufen zu können. In seinem elenden Zustande
müßten ihm selbst derartige Gegenstände, die andere verloren hätten, noch
als sehr wohl verwertbar erscheinen.
Zu dieser Erklärung stand im Widerspruch, daß er andere Gegenstände,
besonders aber Knöpfe aus sonstigem Material, mit einer gewissen Ver-
achtung liegen ließ. Die freien Assoziationen führten allmählich zu den
tieferen Determinierungen der absonderlichen Neigung. Sie zeigten, daß
der Patient mit dem Material der Perlmutterknöpfchen die Vorstellung von
„blank und sauber“ und ferner diejenige eines besonderen Wertes
verband. Wir waren damit bei seinen verdrängten koprophilen
Interessen angelangt. Ich brauche hier nur an Ferenczis schöne
Ausführungen „Zur Ontogenese des Geldinteresses“2 zu erinnern. Sie haben
I) Nach einem Hinweis von Dr. J. Härnik findet sich auf ägyptischen
Grabdenkmälern ein dem Toten zugeschriebenes Gebet: es möge ihm die
Strafe des Kotessens erspart bleiben. Vergl. Erman, Religion
der Ägypter.
2) Zeitschrift für Psychoanalyse, Jahrg. U, 1914.
34 Dr. Karl. Abraham
uns gezeigt, wie die infantile Lust von weichem, knetbarem zunächst zu
hartem, körnigem Material, dann zu kleinen festen Gegenständen mit
sauberer und glänzender Oberfläche übergeht. Im Unbewußten bleibt die
Gleichsetzung dieser Objekte mit Kot bestehen.
Die Perlmutterknöpfchen bedeuteten also Kot. Das Aufheben von der
Straße erinnert uns an die Zwangsimpulse in dem vorher geschilderten
Falle, die sich unverhüllt auf das Aufheben und Verzehren von Kot von
der Straße bezogen. Besonders ist hier eine Gleichsetzung hervorzuheben:
Man verliert einen Knopf von der Kleidung, wie man Kot fallen läßt." In
beiden Fällen handelt es sich also um das Aufheben und Behalten eines
verlorenen Objektes,
In einer der folgenden Stunden nahm der Patient den Faden der
Analyse wieder auf, indem er mir mitteilte, der geschilderte sei nicht der
einzige befremdliche Antrieb, der sich während seiner Depressionszustände
geäußert habe. Während seiner ersten depressiven Erkrankung habe er
sich in X. in der Klinik des Professors Y. befunden. Eines Tages hätten
zwei Verwandte ihn zu einem Spaziergange abgeholt. Er habe sich für
Parkanlagen, Gebäude und was man ihm sonst zeigte, gar nicht interessiert.
Auf dem Rückwege zur Klinik sei er dagegen vor einem Laden stehen
geblieben, in dessen Schaufenster er einige Stücke „Johannisbrot“ erblickte.
Ein sehnlicher Wunsch sei in ihm rege geworden, davon etwas zu kaufen,
und er habe dem Wunsch nachgegeben.
Dieser Erzählung folgte sogleich ein Einfall des Patienten. In seinem
kleinen Heimatsort befand sich, dem elterlichen Hause gegenüber, ein
kleiner Laden, dessen Inhaberin eine Witwe war. Der Sohn dieser Frau
war sein Spielgefährte. Der Patient erinnerte sich nun, wie die Frau ihm
Johannisbrot schenkte. Zu jener Zeit war im Leben des Patienten bereits
das verhängnisvolle Erlebnis eingetreten, an das seine spätere Erkrankung
anknüpfte: eine tiefgreifende Liebesenttäuschung durch die Mutter. Die
Frau auf der anderen Straßenseite ist in den Kindheitserinnerungen des
Patienten der „bösen Mutter“ als Beispiel gegenübergestellt. Der automatisch
auftauchende Impuls, Johannisbrot in einem Laden zu kaufen und zu
essen, entspricht zunächst dem Begehren nach mütterlicher, fürsorglicher
Güte. Daß gerade das Johannisbrot als symbolisches Ausdrucksmittel
gewählt ist, erklärt sich aus seiner an Kot erinnernden länglichen Form
und Drdanen Farbe. So stoßen wir auch hier wieder auf den Antrieb zum
Kotessen als Verkörperung der Sehnsucht nach dem verlorenen Liebesobjekt.
Eine weitere Assoziation des Patienten gehört ebenfalls dem Bereich
der Kindheitserinnerungen an. In seiner Heimatstadt wurden beim Bau
einer Straße Muschelschalen ausgegraben, die auf der einen Seite von
anhaftender Erde schmutzig aussahen, auf der anderen Seite dagegen einen
schillernden Perlmutterglanz zeigten. Abermals finden wir eine Beziehung
zum Heimatort, der im Seelenleben des Patienten in unzweifelhafter Weise
ET FIRE PR ar AR ERTL ER ENTE EEE EEE TIEFEN NEE NEE
2) Bezüglich dieser Identifizierung vergleiche man den im ersten Kapitel
geschilderten Fall. |
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 35
MI
mit der Mutter identifiziert wurde. Die damals gefundenen Perlmutter-
schalen sind die Vorläufer der aus solchem Material hergestellten Knöpfchen.
Die Perlmutterschalen aber erwiesen sich in der Analyse als ein Mittel
zur Darstellung der ambivalenten Einstellung des Sohnes zur Mutter. Das
Wort „Perlmutter“ enthält die hohe Schätzung der Mutter: als „Perle“,
Aber die blanke, gleißende Seite trügt; die andere Seite der Mutter ist
nicht so schön. Die „böse“ Mutter, von der die Libido des Sohnes sich
zurückziehen mußte, wird durch die Gleichsetzung mit Kot beschimpft und
erniedrigt.!
Die vorstehenden Beispiele mögen vorläufig genügen, um
den Verlauf des melancholischen Prozesses in seinen zwei
Phasen — Verlust und Wiedereinverleibung des Liebesobjektes
— psychoanalytisch verständlicher zu machen. Jede dieser
beiden Phasen bedarf aber noch einer gesonderten Unter-
suchung.
Wir haben die Tendenz zum Aufgeben des Liebesobjektes
bereits aus einem Verharren der Libido auf der früheren anal-
sadistischen Stufe erklärt. Neigt aber der Melancholiker dazu,
selbst dieses Niveau mit dem noch primitiveren der oralen
Organisationsstufe zu vertauschen, so müssen wir annehmen,
es beständen in der Entwicklung. seiner Libido besondere
Fixierungspunkte auch aus jener Zeit, da sein Triebleben noch
vorwiegend von der Mundzone beherrscht wurde. Die psycho-
analytischen Ergebnisse rechtfertigen diese Erwartung durchaus;
einige Beispiele mögen zum Beweis dienen.
1) Zur Ergänzung dieser Analyse sei noch die im gesamten mensch-
lichen Phantasieleben übliche Verwendung der Muschel als weibliches
Symbol herangezogen. x
Wir verdanken Röheim den Hinweis auf die an vielen Orten übliche
Verwendung der Muscheln als Geld. Auch dieser Gebrauch hängt mit
ihrer weiblichen Genitalbedeutung zusammen. Bemerkenswert ist, daß man
. keine am Wohnort gefundenen Muscheln als Geld benützt, sondern daß
sie von fern hergekommen sein müssen. Man muß in dieser Tatsache
einen Ausdruck weit getriebener Inzestscheu erblicken, der der Vorschrift
der Exogamie vergleichbar ist. Ein Weib vom eignen Stamme oder eine
am eignen Strand gefundene Muschel repräsentiert das verbotene mütterliche
Genitale. | |
Übrigens werden Muscheln, weil vom Meere ausgeworfen, ebenfalls
dem Kot gleichgesetzt, ähnlich wie Bernstein und dergleichen Materialien,
(Diese Hinweise entstammen zum Teil einer Diskussion in der Berliner
Psychoanalytischen Vereinigung.)
3”
36 "Dr. Karl Abraham
Wiederholt bin ich bei Melancholischen auf starke perverse
Gelüste gestoßen, die in einer Verwendung des Mundes an
Stelle des Genitales bestanden. Zum Teil wurden diese Wünsche
in Gestalt des Cunnilinguus zur Erfüllung gebracht. Meist aber
handelte es sich um äußerst lebhafte Phantasien, die sich auf
kannibalische Regungen bezogen. Die Patienten phantasieren
vom Beißen in alle möglichen Körperteile des Liebesobjektes
(Brust, Penis, Arm, Gesäß usw.). In den freien Assoziationen
begegnete ich viele Male der Vorstellung des Verschlingens
der geliebten Person oder des „Abbeißens* von ihrem Körper,
andere Male wieder einemSpielen mit nekrophagen Vorstellungen
— dies alles bald in kindlich-ungehemmter Weise, bald ver-
steckt unter Ekel und Schrecken. Daneben wieder finden sich
heftige Widerstände gegen den Gebrauch der Zähne. Ein
Patient sprach von seiner „Kaufaulheit“ als besonderer
Erscheinung seiner melancholischen Verstimmung. Es scheint,
daß der Nichtgebrauch der Zähne geradezu Krankheits-
erscheinungen am Gebiß herbeiführen kann. Daß die schwersten
Grade der melancholischen Nahrungsverweigerung eine Selbst-
bestrafung für kannibalische Antriebe därstellten, habe ich
schon früher (1917) gezeigt. In einer Sitzung der British Psycho-
analytical Society hat kürzlich Dr. James Glover auf kanni-
balische Antriebe in einem Fall von periodischer Melancholie
hingewiesen und besonders ihre Umwandlung in Selbstmord-
impulse analysiert." ae
Krankheitssymptome, Tagträumereien und Träume der
Melancholiker bieten uns eine bunte Mannigfaltigkeit oral-
sadistischer Tendenzen in bewußter und verdrängter Gestalt.
Sie sind eine hauptsächliche Quelle seelischen Leidens in der
ee er ET RE RE ee
1) Einer meiner Patienten hatte einen nahezu geglückten Selbstmord-
versuch durch einen tiefen Halsschnitt begangen. Das Suicid war ein
Wüten gegen das introjizierte Liebesobjekt, untermischt mit Selbst-
bestrafungstendenzen. In der Psychoanalyse kamen Phantasien zum Vor-
schein, die mit der biblischen Erzählung von der Opferung Isaaks zusammen-
hingen. Diese ist ja die Geschichte vom Vater mit dem Messer, der den
Sohn zu opfern gedenkt.
|
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 37
Melancholie, besonders wenn sie sich — als Tendenz zur
Selbstbestrafung — gegen das eigene Ich des Kranken wenden.
Wir bemerken hier einen Gegensatz zu gewissen neurotischen
Zuständen, in welchen bestimmte Symptome als Ersatzbefrie-
digungen der Oralzone erkennbar sind. Ich habe derartige
Fälle in meiner Publikation über die früheste prägenitale
Organisationsstufe beschrieben. Vollends stellt in gewissen
Perversionen die Munderotik eine bedeutungsvolle Lust-
quelle dar. Ohne den masochistischen Lustwert der melan-
cholischen Symptome zu vernachlässigen, muß man doch den
im Vergleich zu anderen Krankheitsformen sehr hohen Unlust-
gehalt der Melancholie betonen. Folgt man aufmerksam den
Ideengängen der Kranken, so erfährt man, daß dieses hohe
Maß von Unlust mit der Stufe der Libidoentwicklung verknüpft
ist, zu welcher der Melancholische nach dem Objektverlust
regrediert ist. Wir bemerken nämlich bei unseren Kranken eine
eigentümliche Sehnsucht nach einer Betätigung des Mundes, die zu
den geschilderten Beiß- und Freßphantasien im Gegensatz steht.
Ein Patient berichtete mir zur Zeit des Nachlassens seiner Depression
von seinen Tagträumereien. In diesen war er zu Zeiten geneigt, sich den
eigenen Körper als weiblich vorzustellen; er suchte sich durch allerhand
Kunstgriffe die Illusion eines weiblichen Busens zu geben und phantasierte
besonders gern vom Säugling an seiner Brust. Er spielte in diesen Phan-
tasien die Rolle der stillenden Mutter, vertauschte sie aber zu anderen
Zeiten gegen die des saugenden Kindes. Seine Fixierung an die Mutter-
brust äußerte sich einerseits in mannigfaltigen Symptomen im Bereich der
Mundzone, andererseits in einem auffälligen Bedürfnis, den Kopf an etwas
Weiches, der Mutterbrust Ähnliches anzulehnen. So trieb er auch während
der Analysenstunden ein sonderbares Spiel mit einem Kopfkissen. Statt
es an seinem Platze zu belassen und seinen Kopf darauf zu legen, bedeckte
er diesen mit dem Kissen. Auf assoziativem Wege wurde es deutlich,
daß das Kissen die von oben her seinem Kopf genäherte Mutterbrust
darstellte. Die Szene wiederholte eine lustvolle Situation der frühen Kindheit.
Er hatte übrigens später seinen jüngeren Bruder in dieser Lage bei der
Mutter gesehen und eine intensive Eifersucht an diesen Eindruck geknüpft.
In den Bereich der gleichen Wunschvorstellung gehört die Äußerung
eines Melancholikers, er habe in der tiefsten Depression das Gefühl, daß
die besondere mütterliche Güte einer Frau ihn von seinen Leiden befreien
könnte. Die Bedeutung einer solchen Vorstellung habe ich wiederholt
analysieren können. Ich kann mich auf die früher von mir gegebene Dar-
I
38 Dr. Karl Abraham
stellung eines derartigen‘ Falles berufen. Ein junger Mann, der an einer
(nicht melancholischen) Depression litt, fühlte sich in wunderbarer Weise
beruhigt durch den Genuß von Milch, welche seine Mutter ihm darreichte.
Die Milch vermittelte ihm das Gefühl des Warmen, Weichen und Süßen
und erinnerte ihn an etwas Unbestimmtes, vor langer Zeit Gekanntes. Die
Sehnsucht nach der Mutterbrust ist hier unverkennbar.
Aus den bisherigen psychoanalytischen Erfahrungen muß
ich schließen, daß der Melancholische den oral-sadistischen
Antrieben zu entkommen versucht. Unter diesen Impulsen,
deren Äußerungen das Krankheitsbild beherrschen, lagert in
der Tiefe das Verlangen nach lustvoller, saugender
Betätigung.
Wir werden somit genötigt, ganz wie zuvor im Bereich der
anal-sadistischen, jetzt auch im Bereich der oralen Entwicklungs-
phase eine Stufung anzunehmen. Auf der primären Stufe ist
die Libido des Kindes an den Saugeakt gebunden. Dieser ist
ein Akt der Einverleibung, durch welchen aber die Existenz
' der nährenden Person nicht aufgehoben wird. Das Kind vermag
noch nicht zwischen seinem Ich und einem Objekt außerhalb
desselben zu unterscheiden. Ich und Objekt sind Begriffe,
welche dieser Stufe überhaupt nicht entsprechen. Das saugende
Kind und die nährende Brust (oder Mutter) stehen in keinem
Gegensatz zueinander. Auf Seiten des Kindes fehlen sowohl
die Regungen der Liebe wie die des Hasses. Der seelische
Zustand des Kindes auf dieser Stufe ist demnach frei von den
' Erscheinungen der Ambivalenz.
Die sekundäre Stufe ist’ von der primären unterschieden
durch de Wendung des Kindes von der saugenden
Mundtätigkeit zur beißenden. Ich muß hier einer
privaten Mitteilung gedenken, die mir van Ophuijsen zur
Verfügung gestellt hat. Sie liefert einen wichtigen Beitrag zum
Verständnis des melancholischen Vorganges, ähnlich wie ein
kleiner Aufsatz dieses Autors! die Beziehung der Paranoia zur
anal-sadistischen Stufe geklärt hat. Durch psychoanalytische
Erfahrung ist van Ophuijsen zu der Ansicht gelangt, daß
EN a FF DEE
ı) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse Jahrg. VI, 1920.
i
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 39
bestimmte neurotische Erscheinungen einer Regression
auf das Alter der Zahnbildung entstammen, und
fernerhin, daß das Beißen die Urform des sadisti-
schen Impulses darstellt. Ohne Zweifel ist das Gebiß das
Werkzeug, mit dessen Hilfe das Kind zuerst Zerstörungen in
der Objektwelt anrichten kann, zu einer Zeit, da die Hände
höchstens zu einer Hilfeleistung im Sinne des ‚Ergreifens und
Haltens brauchbar sind. Die von Federn‘ gegebene Herleitung
des Sadismus von genitalen Sensationen beruht zweifellos auf
richtiger Beobachtung; doch kann es sich auf genitalem Gebiet
nicht um so frühe Erscheinungen handeln wie auf oralem
Gebiet. Die von uns so genannten sadistischen Antriebe ent-
stammen eben einer Anzahl von verschiedenen Quellgebieten,
unter welchem hier noch besonders das exkrementale erwähnt
werden mag. Beachtung verdient weiter die enge Ver-
bindung des Sadismus mit dem Muskelsystem. Es kann aber
keinem Zweifel unterliegen, daß das Kind auf keinem anderen
Muskelgebiet auch nur annähernd so große Kraftleistungen
hervorbringt, wie im Bereich der Kaumuskulatur. Auch sind
die Zähne die einzigen Organe von genügender Härte, um
auf die Objekte der Außenwelt zerstörend einwirken zu können.
Auf der Stufe der beißenden Mundtätigkeit wird das Objekt
einverleibt und erleidet dabei das Schicksal der Vernichtung.
Man braucht nur einem Kinde zuzusehen, um sich von der
Intensität der Beißimpulse zu überzeugen, in welchen Nahrungs-
trieb und Libido noch zusammenwirken. Es ist das Stadium
der kannibalischen Antriebe. Folgt das Kind den Reizen des
Objektes, so gerät es zugleich in die Gefahr, ja in die Not-
wendigkeit, das Objekt zu vernichten. Damit beginnt die
Ambivalenz, das Verhältnis des Ich zum Objekt zu beherr-
schen, Die sekundäre, oral-sadistische Stufe bedeutet
also in der Libidoentwicklung des Kindes den Anfang des
ı) „Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus.“ Internationale
Zeitschr. f, Psychoanalyse Jahrg. I. 1913.
40 Dr. Karl Abraham
Ambivalenzkonfliktes, während wir die primäre (Saug-)
Stufe als vorambivalent bezeichnen müssen.
Dasjenige Stadium also, zu welchem die Libido des Melan-
cholikers nach dem Eintritt des Objektverlustes regrediert,
birgt in sich den Ambivalenzkonflikt in primitivster und dem-
entsprechend in besonders schroffer, krasser Form. Die Libido
droht dem Objekt Vernichtung durch Auffressen. Erst allmählich
gewinnt der Ambivalenzkonflikt und zugleich das Verhältnis
zum Objekt mildere Formen.. Die Ambivalenz aber haftet
den Regungen der Libido auch während der folgenden Ent-
wicklungsstadien an. Ihre Bedeutung auf der anal-sadistischen
Stufe ist bereits gewürdigt worden. Aber auch ım Aufbau der
Neurosen, die auf der genitalen Organisationsstufe entstehen,
tritt uns überall die Ambivalenz der Gefühlsregungen entgegen.
Erst der normale Mensch, der sich von den infantilen Erschei-
nungen der Sexualität relativ am weitesten entfernt hat, ist im
wesentlichen ambivalenzfrei. Seine Libido hat sozusagen
einnachambivalentes Stadium erreicht und damit die
volle Fähigkeit zur Anpassung an die Objektwelt gewonnen.
Es wird nunmehr deutlich, daß auch innerhalb der
genitalen Organisationsphase zwei Stufen zu
unterscheiden sind, ganz wie im Bereich der beiden prä-
genitalen Phäsen. Ich komme damit zu einem Ergebnis,‘ das.
sich mit Freud’s’ kürzlich veröffentlichter Aufstellung einer
„Phallischen“, früh-genitalen Stufe vortrefflich zu decken scheint.
Wir hätten somit im Ganzen sechs Entwicklungsstufen anzu-
nehmen. Ausdrücklich sei bemerkt, daß ich die obige Einteilung
weder als endgültig noch als erschöpfend betrachte. Sie stellt
nur eine Übersicht der fortschreitenden Organisation der
menschlichen Libido dar, soweitdie bisherigen psychoanalytischen
Ergebnisse uns Einblicke in den langwierigen Prozeß ermöglicht
haben. Ich muß aber betonen, daß der Übergang von der
niederen zur höheren Stufe innerhalb jeder der drei großen
Entwicklungsphasen keineswegs ein Vorgang von untergeordneter
1) Internationale Zeitschr. f, Psychoanalyse Jahrg. IX, 99
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 4i
Bedeutung ist. Der Wechsel der dominierenden erogenen Zone
ist uns in seiner Bedeutung für die normale psychosexuelle
Entwicklung und für die Charakterbildung längst geläufig.
In jeder der drei Epochen spielt sich ein Vorgang ab, der
für die allmähliche Erreichung der vollkommenen Objektliebe
von großem Belang ist. Innerhalb der oralen Epoche vertauscht
das Kind die konfliktfreie, vorambivalente Einstellung seiner
Libido gegen eine ambivalente und überwiegend objektfeind-
liche. Der Schritt von der älteren zur jüngeren anal-sadistischen
Stufe bedeutet einen Übergang zur Schonung des Objektes.
Innerhalb der genitalen Epoche wird endlich die Ambivalenz
überwunden und damit die volle sexuelle wie soziale Brauch-
barkeit erzielt. 1 |
Die Wandlungen im Verhältnis des Individuums zur Objekt-
welt sind hiermit keineswegs erschöpfend behandelt; sie werden
vielmehr späterhin den Gegenstand einer gründlichen Unter-
suchung bilden.
IV
Beiträge zur Psychogenese der Melancholie
Die vorstehenden Ausführungen haben uns verständlich
werden lassen, warum die Ambivalenz des Trieblebens für
den Melancholiker besonders ernste Konflikte mit sich bringt,
die sein Verhältnis zum Liebesobjekt bis in die Tiefe erschüttern.
Die Abwendung von demjenigen Objekt, um welches das
gesamte Gefühlsleben des Patienten wie um ein Zentrum kreist,
greift auf die Personen der engeren und weiteren Umgebung,
ja auf die Menschheit im allgemeinen über. Selbst hier macht
die Einziehung der Libido nicht halt, sondern sie teilt sıch
allem mit, woran der Kranke zuvor interessiert war; Beruf,
Liebhabereien, Natur, wissenschaftliche und sonstige Interessen
haben ihren Reiz für ihn verloren. Wir kennen eine ähnlich
weitgehende Abwendung der Libido von der gesamten Außen-
welt auch ım Krankheitsbild der Dementia praecox (Schizo-
phrenie), nur mit dem Unterschied, daß dort der Verlust aller
Interessen mit stumpfer ” Gelassenheit aufgenommen wird,
während der Melancholische diesen Verlust beklagt, ja mit
Vorliebe seine Minderwertigkeitsgefühle mit ihm in Verbindung
bringt. |
Ein tieferes Eindringen in das Seelenleben des Melan-
cholischen läßt uns aber erkennen, daß derselbe Mensch, der
im Depressionszustand den Verlust aller Interessen beklagt, zu
diesem Verlust prädisponiert war durch das besondere Maß
von Ambivalenz in seinem Gefühlsleben. Seine Hingabe an
Beruf, geistige Interessen usw. war lange Zeit vor dem ersten
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 43
Ausbruch der Erkrankung von gewaltsamer, krampfhafter Art
und trug ‘somit die Gefahr eines plötzlichen Abbruches in
sich. Doch die Wirkungen der Ambivalenz reichen im melan-
cholischen Krankheitsprozeß noch weiter. Nachdem die Libido-
besetzung vom Objekt zurückgezogen ist, wendet sie sich, wie
wir bereits wissen, dem Ich zu, während gleichzeitig das
Objekt dem Ich introjiziert wird. Das Ich hat nun alle Folgen
dieses Vorganges zu tragen; es ist also fortan der Ambivalenz
der libidinösen Antriebe schonungslos ausgesetzt. Nur ober-
flächliche Betrachtungsweise läßt uns glauben, der Melan-
cholische sei allein von einer quälenden Selbstverachtung und
einer ausschließlichen Sucht zur Selbstverkleinerung durch-
drungen. Ein aufmerksames Studium lehrt uns, daß wir von
unseren Patienten mit gleichem Recht das Gegenteil aussagen
dürfen. Es wird sich später zeigen, daß in dieser ambi-
valenten Einstellung zum Ich die Möglichkeit
zum Wechsel melancholischer und manischer
Zustände gelegen ist. Für jetzt aber hat uns der Nach-
weis der ambivalenten Einstellung zum Ich zu beschäftigen,
wie sie sich während der melancholischen Phase zeigt; nur
auf diesem Wege nähern wir uns dem Verständnis der melan-
cholischen Symptome.
Der klinischen Psychiatrie ist, soweit mir bekannt, diese
wichtige psychologische Eigenart der Melancholie entgangen.
Freud: hingegen hat sie erkannt. Wie er von den Patienten
aussagt, sind sie „weit davon entfernt, gegen ihre Umgebung
die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so
unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr ım
höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob
ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre“. Die Tatsachen
nötigen uns aber, über diese Feststellung noch hinauszugehen.
Es handelt sich hier um Erscheinungen, die naturgemäß von
' Fall zu Fall verschieden ausgeprägt sind. Ganz allgemein aber
darf: man sagen, der Melancholiker trage ein Gefühl der Über-
1) „Trauer und Melancholie“, Zeitschrift Jahrg. IV, S. 293.
44 Dr. Karl Abraham
legenheit in sich, das sich selbst im freien Intervall erweisen
laßt. Es richtet sich gegen seine Familie, Bekannte, Berufs-
genossen, ja gegen die Gesamtheit der Menschen. Besonders
fühlbar wird es dem behandelnden Arzte. Einer meiner
Patienten betrat mein Sprechzimmer stets mit einer überlegenen
Pose, die sich in Körperhaltung und Mienenspiel äußerte.
Besonders gern wird gegenüber den Ergebnissen der Psycho-
analyse eine überlegene Skepsis zur Schau getragen. Bei einem
anderen Patienten wechselte dieses Verhalten mit einer über-
triebenen Demut; in letzterer Gemütsverfassung gab er sıch
beispielsweise der Phantasie hin, vor mir niederzufallen, meine
Kniee zu umfassen und mich flehentlich um meine Hilfe zu bitten.
Bekannt ist die Unzugänglichkeit der Melancholischen für
jeden Einspruch des Arztes gegen seine Ideengänge, besonders
erweisen sich natürlich seine Wahnbildungen als resistent gegen
solchen Einfluß. Ein Patient erklärte mir, er habe, wenn ıhm
von ärztlicher Seite Vorstellungen über das Unbegründete seiner
Selbstanklagen gemacht worden seien, „nicht einmal die Worte
gehört“. Was eine Phantasie zur Wahnvorstellung macht, ist
der rein narzißtische Charakter des Denkvorganges, mit welchem
auch die Unkorrigierbarkeit des Wahnes zusammenhängt. Neben
dieser Determinierung ist noch eine zweite für das Verhalten
des Melancholischen maßgebend: die Geringschätzung der
anderen Menschen, die an seine Ideen den Maßstab der Realı-
tät anlegen.
Eine der auffallendsten Einseitigkeiten der klinischen Psychiatrie
besteht darin, daß sie die krankhaften Vorstellungen der Melan-
cholischen als „Kleinheitswahn* zu charakterisieren liebt.
Tatsächlich schließt dieser „Kleinheitswahn“ in sich eine
ausgeprägte Selbstüberschätzung, namentlich hinsichtlich der
Bedeutung und Wirkung der eigenen Gedanken, Affekte und
Handlungen. Bezeichnend in diesem Sinne ist besonders die
Vorstellung, der man bei manchem Melancholischen begegnet:
er sei der größte Verbrecher, ja er habe alle Verbrechen seit
Anbeginn der Welt begangen. In jeder solchen Wahnidee ist
B.-
Be
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 45
r—
neben der introjizierten, dem Liebesobjekt geltenden Anklage
die Tendenz enthalten, den eigenen Haß als überwältigend
groß, sich selbst als ein Ungeheuer darzustellen.
So stehen ım Bilde der Melancholie Ichliebe und Ichhaß,
Selbstüberschätzung und Unterschätzung, mit anderen Worten:
Äußerungen eines positivenundeines negativen
Narzißmus einander schroff und unvermittelt gegenüber.
Wir haben auch bereits Gesichtspunkte gewonnen, die uns
dieses auffällige Verhältnis von Libido und Ich allgemein
verständlich machen. Es erwächst uns nun eine weitere Aufgabe,
nämlich die Ursachen einer so schweren Abweichung von der
seelischen Norm aus dem Erleben des Patienten zu erklären.
Wir sollen die Frage beantworten, wie der von Freud
erschlossene psychologische Prozeß sich im Unbewußten des
Patienten abspielt und welche Schicksale seine Libido auf
diese Bahn gebracht haben. Mit anderen Worten: wir stehen
vor dem Problem der Neurosenwahl, und wir haben uns zu
fragen, warum unsere Kranken nicht Hysteriker oder Zwangs-
neurotiker, sondern eben Manisch-Depressive geworden sind.
Eine endgiltige Lösung des Problems zu erwarten, hieße freilich
seine Schwierigkeit unterschätzen. Vielleicht aber dürfen wir
eine gewisse Annäherung an das ferne Ziel erhoffen.
Daß eine Liebesenttäuschung das Vorspiel zu einer melan-
cholischen Depression bildet, daran kann kein Zweifel bestehen.
Die Psychoanalyse solcher Patienten, die mehrere depressive
Zeiten durchgemacht haben, lehrt uns, daß jede neue Erkrankung
an ein derartiges Erleben anknüpft. Es bedarf kaum der
Betonung, daß es sich nicht etwa bloß um Erlebnisse im Sinne
der landläufigen „unglücklichen Liebe“ handelt, sondern daß
der Anlaß zum „Objektverlust“ keineswegs so klar zutage zu
liegen braucht. Erst eingehende Analyse enthüllt uns die
Zusammenhänge zwischen Erlebnis und Erkrankung. Regel-
mäßig erfahren wir dann, daß der Anlaß zur aktuellen
Erkrankung nur darum eine pathogene Wirkung entfalten
konnte, weil er vom Unbewußten des Patienten als eine
46 | Dr. Karl Abraham
Wiederholung seines ursprünglichen traumatischen Erlebens
in der Kindheit aufgefaßt und verwertet werden konnte. Die
zwanghafte Tendenz zur Wiederholung des einmal Erlebten
ist mir bei keiner anderen Neurosenform so stark erschienen
wie bei der manisch-depressiven Erkrankung. Die Neigung zu
häufigen Rückfällen der manischen oder depressiven Zustände
legt einen deutlichen Beweis für die Macht des Wiederholungs-
zwanges gerade bei unseren Kranken ab.
Es kann nicht die Absicht dieser Untersuchung sein, auf
Grund einer sehr beschränkten Zahl von Psychoanalysen
Allgemeines und Endgültiges über dıe Psychogenese der zirku-
lären Krankheitsformen festzustellen. Dennoch scheint das mir
vorliegende Material gewisse Formulierungen zu gestatten,
deren vorläufigen Charakter und Unvollständigkeit ich mir
nicht verhehle. Ich glaube mich berechtigt, eine Reihe von
Faktoren herauszuheben, wobei ich betonen muß, daß erst ihr
Zusammenwirken die spezifischen Erscheinungen der melan-
cholischen Depression hervorruft. Jeder für sich allein genommen,
kann an der Entstehung einer beliebigen anderen Form der
Psychoneurose mitwirken. Es kommen in Betracht:
1.) Ein konstitutioneller Faktor. Gestützt auf
klinisch-psychiatrische und besonders auf psychoanalytische
Erfahrungen verstehe ich hierunter nicht eine direkte erbliche
Übernahme der Neigung zu manisch-depressiver Erkrankung
von der vorhergehenden Generation. Denn eine solche trifft
nur für eine Minderheit von Krankheitsfällen zu. Unter den
von mir analysıerten Patienten mit melancholischen und
manischen Zuständen im Sinne der strengen klinischen
Diagnostik war kein .einziger, in dessen Familie sich eine
gleichartige psychische Störung ausgeprägter Art hätte nach-
weisen lassen, Neurosen anderer Art dagegen waren reichlich
vertreten. Ich neige vielmehr zu der Annahme, daß eine
konstitutionelle Verstärkung der Munderoötik
vorliegt, ähnlich wie in gewissen Familien die Analerotik
primär überbetont zu sein scheint. Eine solche Anlage ermöglicht
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido | 47
2.) die besondere Fixierung der Libido auf der
oralen Entwicklungsstufe. Personen mit der an-
genommenen konstitutionellen Verstärkung \ der Munderotik
sind äußerst anspruchsvoll in Bezug auf die Befriedigung der
bevorzugten erogenen Zone und reagieren auf jede Versagung
in dieser Hinsicht. mit großer Unlust. Ihre übergroße Sauge-
lust erhält sich ın mancherlei Formen auch späterhin. Das
Essen, besonders die Kiefertätigkeit, ist abnorm lustbetont.
Einer meiner Patienten schilderte spontan, welche Lust ihm das
weite Aufsperren des Mundes bereite. Andre schildern die
Kontraktion der Kiefermuskeln als speziell lustvollen Vorgang.
Die gleichen Patienten sind anspruchsvoll, ja unersättlich in
Bezug auf den Austausch oraler LieDesbeweise. Einer meiner
Patienten war als kleiner Knabe so stürmisch in dieser Hin-
sicht, daß seine Mutter ihm nach längerer Duldung dieser
Zärtlichkeiten ein Verbot gab, mit der ungeschickten Begründung,
sie möge dergleichen nicht. Kurz darauf ertappte das wach-
same Auge des Knaben sie beim Austausch von gleichen
Zärtlichkeiten mit dem Vater. Dieses Erlebnis wirkte mit
anderen Beobachtungen. zusammen, um in dem Knaben ein
ungeheures Maß von nachtragender Feindseligkeit zu erzeugen.
Ein anderer Patient äußerte, beim Denken an seine Kindheit
empfinde er immer einen faden Geschmack, wie von einer
Schleimsuppe, die ihm damals sehr unsympathisch gewesen
sei. In der Psychoanalyse ließ sich diese Geschmacksempfindung
als ein Ausdruck seiner Eifersucht auf den nach ihm geborenen
Bruder erkennen, den er an der Mutterbrust trinken sah, während
er selbst zu jener Zeit Suppen und Brei genießen mußte. Diese
ihm selbst verloren gegangene intime Beziehung zur Mutter
war es, um die er den Bruder im tiefsten Grunde beneidete.
In seinen Depressionszuständen trat eine in ihrer Stärke und
Eigenart schwer Beschreibliche Sehnsucht nach der Mutterbrust
hervor. Verharrt die Libido im reifen Alter in solcher Fixierung,
so ist damit eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Ent-
stehung melancholischer Depression gegeben.
48 Dr. Karl Abraham
———
3.) Schwere Verletzung des kindlichen Narzißmus
durch zusammentreffende Liebesenttäuschungen.
Wir sind gewohnt, aus der Kindheitsgeschichte Neurotischer
über Vorgänge zu erfahren, durch welche das Individuum in
seinem Liebesbegehren enttäuscht wurde. Derartige Erlebnisse
sind aber für sich allein nicht geeignet, den Grund zu einer
melancholischen Erkrankung zu legen. In mehreren meiner
Psychoanalysen Melancholischer fand sich mit auffallender
Übereinstimmung die gleiche Konstellation in dieser Beziehung.
Der Patient, der sich zuvor als Liebling seiner Mutter gefühlt
hatte und ihrer Liebe sicher gewesen war, erlitt durch sie
eine Enttäuschung, von deren erschütternder Wirkung er sich
nur schwer erholen konnte. Fernere Erfahrungen gleicher Art
ließen ihm den Verlust als unwiederbringlich erscheinen, zumal
sich auch keine geeignete weibliche Person fand, auf welche
die Libido übergehen konnte. Des weiteren aber scheiterte
auch der Versuch einer Wendung zum Vater entweder sogleich
oder später. In dem Kinde entstand so der Eindruck des
völligen Verlassenseins; an ihn knüpften sich
die frühesten depressiven Anwandlungen. Eine
später mitzuteillende Traumanalyse wird darüber volle Sicherheit
bringen. Mit dieser Enttäuschung von zwei Seiten
sind die immer wiederholten Versuche des Melancholikers, von
einer Person des anderen Geschlechtes Liebe zu erlangen, aufs
engste verknüpft. |
4.) Eintritt der ersten großen Liebesenttäuschung
vor gelungenerBewältigung der Ödipuswünsche.
Nach meinen übereinstimmenden Erfahrungen wirkt die
geschilderte große Enttäuschung von seiten der Mutter besonders
schwer und nachhaltig auf den Knaben, wenn seine Libido das
narzıßtische Stadium noch nicht hinlänglich überwunden hat.
Die Inzestwünsche sind rege geworden, die’ Empörung gegen
den Vater ist in vollem Gange; aber noch hat die Verdrängung
keine Gewalt über die Ödipusantriebe gewonnen. Wird der
Knabe mitten in seinem ersten großen Anlauf zur Objektliebe
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 49
von dem geschilderten seelischen Trauma überrascht, so sind
die Wirkungen besonders ernst. Und da die oral-sadistischen
Triebregungen noch nicht ausgeschaltet sind, so kommt es zu
einer dauernden assoziativen Verknüpfung des Ödipuskomplexes
mit der kannibalischen Stufe der Libidoentwicklung. Hierdurch
wird die nachherige Introjektion beider Liebesobjekte, das
heißt in erster Linie "der Mutter, sodann auch des Vaters,
ermöglicht.
5.) Wiederholung der primären Enttäuschung
im späteren Leben bildet den Anlaß zum Ausbruch einer
melancholischen Verstimmung.
Wenn nun, wie wir annehmen müssen, die Psychogenese
der Melancholie so eng mit Enttäuschungen verknüpft ist, die
der Patient in seinem Liebesleben in frühester Zeit oder später
erlitten hat, so werden wir bei ihm mit Recht die stärksten
feindseligen Regungen gegen alle jene erwarten, die sein
narzißtisches Liebesbegehren in so unheilvoller Weise gekränkt
haben. Da aber allen späteren Enttäuschungen nur der Wert
von Wiederholungen der ursprünglichen zukommt, so wird
die gesamte Wut ob dieser Enttäuschungen im tiefsten Grunde
einer Person gelten; derjenigen nämlich, die einmal dem
Kinde die liebste war, dann aber aufhörte, in seinem Leben
diese Rolle zu spielen. Seitdem uns Freud gezeigt hat, daß
die auf das Ich des Melancholikers bezüglichen Vorwürfe im
wesentlichen dem aufgegebenen Liebesobjekt gelten, werden
wir darauf gefaßt sein, in der Selbstkritik des Melancholikers,
besonders aber auch in seinen Wahnbildungen, die Anklagen
gegen dieses Objekt wiederzufinden.
An dieser Stelle ist eines besonderen psychologischen Tat-
bestandes zu gedenken, welcher dem Anschein nach die
Melancholie in einen Gegensatz zu anderen Neurosen stellt.
Die ambivalente Gefühlseinstellung der von mir analysierten
männlichen Patienten wandte sich nämlich mit ihren feindselig-
kannibalischen Regungen vorwiegend gegen die Mutter,
während doch in anderen neurotischen Zuständen vorzugsweise
4
a | Dr. Karl Abraham
der Vater das Objekt feindlicher Tendenzen ist. Durch die
bereits genauer charakterisierte Enttäuschung ist aber das zu
jener Zeit noch stark ambivalente Gefühlsleben des Kindes so
nachhaltig zuungunsten der Mutter beeinflußt worden, daß
gegenüber dieser Feindschaft selbst die dem Vater geltende,
aus Haß und Eifersucht entstandene Ablehnung verblaßt. Ich
konnte bisher in jeder Psychoanalyse männlicher Melancholischer
nachweisen, daß der Kastrationskomplex ganz über-
wiegend an die Mutter geheftet war, während sonst seine
Beziehung zum Vater weit stärker betont zu sein pflegt. Aber
diese Verbindung erwies sich als durchaus sekundärer Natur,
auf einer Tendenz zur Umkehrung des Ödipuskomplexes
beruhend. Die Feindschaft des Melancholischen gegen seine
Mutter erweist sich bei gründlicher Analyse als dem Ödipus-
komplex entnommen. Die Ambivalenz seiner Gefühle gilt in
gleicher Weise beiden Eltern. Auch die Person des Vaters ist
in den Prozeß der Introjektion einbezogen; in manchen
Symptomen, wie z.B. in gewissen Selbstvorwürfen, ist die.
ursprüngliche Doppelbeziehung der Anklagen zu beiden Eltern
erkennbar. Die früher getroffene Feststellung, daß der gesamte
psychologische Vorgang in der Melancholie sich vorwiegend
um die Mutter bewegt, wird: hierdurch nicht geändert, sondern
es wird nur die mehrfache Determinierung des Prozesses stärker
hervorgehoben.
Faßt man in der Psychoanalyse die Selbstkritik und die
Selbstvorwürfe, besonders auch die wahnhaften Selbstanklagen
unserer Patienten schärfer ins Auge, so kann man zwei Formen
unterscheiden, in welchen der ER UDESVOTEARE seinen
Ausdruck findet.
1.) Der Patient hat sich das ursprüngliche Liebesobjekt, an
welchem er sein Ichideal gebildet hatte, introjiziert. Es über-
nahm damit die Rolle des Gewissens in ihm, freilich eines
pathologisch gestalteten. In vielen Einzelerscheinungen läßt sich
nun erweisen, daß die krankhafte Selbstkritik
gleichsam von der introjizierten Person aus-
Bi. ira
ER,
Ex
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 51
geübt wird.‘ Ein Patient pflegte sich selbst in unendlicher
Wiederholung „abzukanzeln“, wobei er sich in Tonfall und
Ausdruck genau an die Vorwürfe hielt, die er in der Kind-
heit von der Mutter oftmals gehört hatte.
2.) Der Inhalt der Selbstvorwürfe stellt im Grunde eine
schonungslose Kritik des introjizierten Objektes
dar. Ein Patient pflegte über sich selbst mit den Worten zu
urteilen: „Meine ganze Existenz ıst auf Betrug aufgebaut.“ Der
- Vorwurf erwies sich als determiniert durch gewisse Tatsachen
im Verhältnis der Mutter zum Vater.
Wie diese Äußerungsformen der Introjektion ineinandergreifen, mag
noch an einem Beispiel dargestellt werden. Der nämliche Patient erklärte
sich selbst als völlig untüchtig, für das praktische Leben unbrauchbar. Es
war dies — nach dem Ergebnis der Analyse — eine übertreibende Kritik
des stillen, wenig aktiven Wesens seines Vaters, Die Mutter galt ihm, im
Gegensatz zum Vater, als Vorbild praktischer Tüchtigkeit. Er selbst fühlte
sich dem Vater ähnlich. So bedeutet also jene Selbstkritik ein abfälliges
Urteil der introjizierten Mutter über den introjizierten Vater. Ein lehrreiches
Beispiel für den zweiseitigen Introjektionsvorgang!
Unter dem nämlichen Gesichtspunkt wird eine von dem Patienten
produzierte wahnhafte Selbstanklage verständlich. Als er während der
letzten Depressionszeit in einer Anstalt untergebracht war, begann er
eines Tages zu behaupten, er habe Läuse in die Anstalt eingeschleppt.
Unter großer Aufregung, die ständig anwuchs, klagte er über die entsetzliche
Verantwortung; das ganze Haus sei durch ihn verlaust worden. - Er
bemühte sich, dem Arzt Läuse zu demonstrieren; er erblickte solche in
jedem Stäubchen oder Fäserchen. In der Analyse dieser Wahnidee erwies
sich die symbolische Bedeutung der Läuse als besonders wichtig. Kleine
Tiere stellen in der Symbolik des Traumes und aller sonstigen Phantasie-
gebilde kleine Kinder dar. Das Haus voller Läuse ist demnach das Haus
(elterliche Haus des Patienten) voller Kinder. An die Geburt einer Reihe
von jüngeren Geschwistern hatte sich in der Kindheit des Patienten der
Entgang an mütterlicher Liebe angeschlossen. „Die böse Mutter, die sich
anfänglich so liebevoll zu mir stellte, hat das ganze Haus voller Kinder
gesetzt,“ — das ist eine der Determinierungen der introjizierten Anklage.
Ziehen wir aber weiter in Betracht, daß das Haus zugleich ein Symbol
der Mutter ist, dann wird der Vorwurf gegen den Vater wegen der Kinder-
ı) Kurz nach der Niederschrift dieses Teiles meiner Arbeit erschien
„Das Ich und das Es“ von Freud. In dieser Schrift findet sich eine so
lichtvolle Darstellung des Vorganges, daß ich nur auf sie verweisen mag.
Durch eine zusammenfassende Wiedergabe würde sie nur verlieren.
4*
52 Dr. Karl Abraham
zeugung erkennbar, So erscheinen auch in diesem Beispiel Anklagen
gegen beide Eltern zu einer Selbstanklage verdichtet.
Hier muß bemerkt werden, daß nicht alle dem Liebesobjekt
geltenden Vorwürfe in introjizierter Form zum Ausdruck.
kommen. Vielmehr gibt es neben dieser für die Melancholie
spezifischen Form noch andere Darstellungsmittel, die auch
während des Intervalls Anwendung finden.
Ein Patient war vor dem Ausbruch der ersten schweren Depression
von einem zwanghaften Interesse für Prostituierte ergriffen; er brachte
allnächtlich Stunden damit zu, die Mädchen auf den Straßen zu beobachten,
ohne jemals in nähere Beziehungen zu ihnen zu treten, Nach dem Ergebnis
der Analyse lag hier eine zwanghafte Wiederholung bestimmter Beob-
achtungen vor, die er als Kind gemacht hatte. Die Dirne bedeutete eine
herabsetzende Darstellung der Mutter, die dem Vater durch Blicke und
Gebärden ihre sexuellen Wünsche zu erkennen gab. Die Gleichsetzung
mit der Dirne ist also eine Rache des enttäuschten Sohnes; der Vorwurf
lautet: „Du bist nur das sinnliche Weib, aber nicht die liebevolle Mutter!*
— Die nächtlichen Gänge in den Straßen bedeuteten andererseits ein
Sich-Gleichsetzen des Patienten mit der Dirne (Mutter); hier begegnen
wir wiederum dem Vorgang der Introjektion.
In den Phantasien eines anderen Patienten wurde die Mutter als lieblos
und grausam dargestellt. Die Verknüpfung des Kastrationskomplexes mit
dem Weibe, das heißt mit der Mutter, war in diesem Fall besonders
auffällig. So stellte der Analysand zum Beispiel in seinen Phantasien die
Vagina als Rachen eines Krokodils dar — ein unzweideutiges Symbol der
Kastration durch Beißen.
‚Will man die ganze Feindseligkeit des Melancholischen gegen
seine Mutter, will man die Eigenart seines Kastrationskomplexes
verstehen, so muß man sich an Stärckes Ausführungen über
die Entziehung der Brust als „Urkastration“ erinnern. Die
Rachsucht des Melancholischen verlangt, wie die Analyse vieler
Symptome dartut, eine Kastration der Mutter, sei es an der
Brust oder an dem ihr angedichteten Penis. Stets wählt seine
Phantasie zu diesem Zweck den Weg des Beißens. Ent-
sprechende Vorstellungen wurden bereits früher angeführt.
Hier sei nur nochmals auf ihren ambivalenten Charakter
verwiesen. Sie begreifen in sich die gänzliche oder teil-
weise Einverleibung der Mutter, also einen Akt positiven
Begehrens, und zugleich ihre Kastration oder Tötung, also
Vernichtung,
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 53
Wir haben bis hierher den Prozeß der Introjektion verfolgt
und eine Anzahl seiner Folgeerscheinungen studiert. Wir dürfen
zusammenfassend sagen, daß sich bei unseren Patienten an
eine unerträgliche Enttäuschung durch das Liebesobjekt die
Tendenz anschließt, es wie Körperinhalt auszustoßen und zu
vernichten. Dann folgt die Introjektion, das Wiederfressen des
Objektes, als spezifische Form der narzißtischen Identifizierung
in der Melancholie. Die sadistische Rachsucht tobt sich nun
in einer zum Teil lustvollen Selbstquälerei aus. Wir haben
Grund anzunehmen, daß diese letztere so lange dauert, bis
durch die Wirkung der Zeit und die allmähliche Sättigung des
sadistischen Bedürfnisses die Gefahr der Vernichtung
für das Liebesobjekt vorüber ist. Jetzt darf das Liebesobjekt
sozusagen sein Versteck im Ich wieder verlassen; der Patient
‚darf es in die Außenwelt zurückversetzen.
Von nicht geringem psychologischen Interesse erscheint mir
nun der Nachweis, daß auch diese Befreiung vom Objekt im
Unbewußten als einEntleerungsvorgang bewertet wird.
Einer meiner Patienten hatte zu der Zeit, als das Nachlassen
der Depression evident wurde, einen Traum, in welchem er unter
lebhaftem Gefühl der Befreiung einen in seinem Anus steckenden
Pfropfen ausstieß. Dieser Ausstoßungsvorgang
schließt den Prozeß der archaischen Trauer ab,
als welchen wir die melancholische Erkrankung betrachten
müssen. Man darf mit Recht sagen, daß im Laufe einer
Melancholie das Liebesobjekt gleichsam den psychosexuellen
Stoffwechsel des Kranken passiere.
1) Auf die Überdeterminierung des Symbols (im passiv-homosexuellen
Sinne) kann nur nebenbei verwiesen werden.
V
Das infantile Vorbild der melancholischen
Depression
Wenn die vorstehenden. Untersuchungen den Nachweis
erbracht haben, daß die melancholische Depression ın ıhren
tiefsten Gründen auf verstimmende Eindrücke der Kindheit
zurückgeht, so muß uns die ursprüngliche gemütliche Reaktion
des Kindes auf jene Traumen besonders interessieren. Wir nehmen
mit gutem Recht an, es müsse eine Verstimmung von traurigem
Charakter gewesen sein, aber es fehlt uns bisher sozusagen die
lebendige Anschauung. dieses seelischen Zustandes im Kindes-
alter. Besondere Umstände, von denen nunmehr die Rede sein
soll, haben mir in einem Fall meiner Beobachtung erlaubt,
einleuchtende Ergebnisse zu gewinnen. |
Mein Patient befand sich nach voraufgegangener Depression seit tängend
Zeit im freien Intervall und hatte eine Neigung zu einem jungen Mädchen
gefaßt, als gewisse Vorkommnisse in ihm die — sachlich unberechtigte —
Befürchtung erweckten, er sei von einem neuen Liebesverlust bedroht. Zu
dieser Zeit träumte er während mehrerer Nächte von einem Zahnausfall,
einem für uns durchsichtigen symbolischen Vorgang, der zugleich die
Angst vor der Kastration und vor dem Objektverlust (körperliche Aus-
stoßung!) darstellte. In einer Nacht hatteer nun nach dem Zahntraum noch
einen weiteren Traum folgenden Inhaltes:
„Ich war irgendwie mit der Frau des Herrn Z. zusammen. Im Laufe
des Traumes war ich irgendwie in einen Bücherdiebstahl verwickelt. Der
Traum war lang, Besser als der Inhalt ist mir die quälende Stimmung des
Traumes erinnerlich,“
Herr Z., ein Bekannter des Patienten, ist periodischer Trinker. Seine
Frau leidet sehr unter ihm, wovon mein Patient am Tage vor dem Traume
wieder erfahren hatte. Dies ist der Anknüpfungspunkt des Traumes an das
Tagesleben. Der Bücherdiebstahl ist ein Symbol des Raubes der Mutter,
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 55
die: dem sie quälenden Vater abgenommen wird, zugleich aber auch ein
Symbol der Kastration des letzteren. Also ein einfacher Ödipustraum,
der inhaltlich nur dadurch von einigem Interesse ist, weil der Diebstahl
das aktive Gegenstück zum Verlust des Zahnes im anderen Traum der
gleichen Nacht darstellt. Die Bedeutung des Traumes für die Analyse des
Patienten lag nicht so sehr in seinem Inhalt an Ereignissen wie in der
schon erwähnten Stimmung. Der Patient erklärte nämlich, nach dem
Erwachen den Einfall gehabt zu. haben, daß ihm diese Stimmung bekannt
sei. Er kenne sie aus einem bestimmten Traume, den er. im Alter von
etwa fünf Jahren wiederholt geträumt habe. |
Bisher sei ihm während der langen Dauer der Psychoanalyse nie eine
Erinnerung an diesen Traum gekommen. Jetzt aber sei er ihm ganz deutlich
und falle ihm wiederum durch die entsetzlich quälende Stimmung auf.
Der Traum wurde wie folgt erzählt: |
„Ich stehe vor dem Hause meiner Eltern in meinem Geburtsort. Da
kommt ein Zug von Lastwagen die Straße herauf, welche ganz still und
menschenleer ist. Jeder der Wagen ist zweispännig. Neben den Pferden
geht ein Fuhrmann, der mit der Peitsche schlägt. Der Wagen hat hohe
Wände, so daß sein Inhalt nicht zu sehen ist; er hat etwas Geheimnisvolles
an sich. Unter dem Boden des Wagens aber hängt ein gefesselter Mann,
der an einem Strick mitgeschleift wird. Er hat den Strick um den Hals
und kann nur in großen Abständen mit Mühe ein wenig Atem holen. Der
Anblick des Menschen, der nicht leben und nicht sterben kann, ergreift
mich‘ sehr. Mit Schrecken sehe ich dann, daß diesem ersten Wagen
zwei weitere folgen, die dasselbe entsetzliche Schauspiel noch einmal
darbieten.* | |
Die Analyse dieses Traumes ging unter außerordentlichen Widerständen
vor sich und nahm während mehrerer Wochen unsere gesamte Zeit in
Anspruch. Der Patient stand während dieses Teiles der analytischen Arbeit
unter dem Eindruck der „quälenden Stimmung“ des Traumes, welchen er
einmal sehr bezeichnend eine „Höllenszene“ nannte.
Die Traumanalyse führte zunächst zur Erkennung des Fuhrmanns als
Vertreter des Vaters, den der Patient immer als abweisend und hart
geschildert hatte; das Schlagen der Pferde weist in dieser oberflächlichen
Schicht auf die vielen erlittenen Züchtigungen hin. Im Traum möchte der
Patient nach seiner eigenen Angabe Einspruch erheben, sowohl gegen das
Schlagen der Pferde als gegen die schreckliche Behandlung des Gefesselten,
fühlt sich aber zu sehr eingeschüchtert. Seine Anteilnahme verrät die
Identifizierung der eigenen Person mit dem Unglücklichen. Es wird klar,
daß der Träumer selbst mindestens in drei Gestalten dargestellt ist: als
Zuschauer, als Pferd und als der Gefesselte.
Hier brach die Deutung zunächst ab, weil in der folgenden Analysen-
stunde ein neuer Traum die Aufmerksamkeit auf sich zog; er handelte von
dem bereits erwähnten jungen Mädchen, das wir „E.* nennen wollen.
Er lautet:
56 Dr. Karl Abraham
„Ich sehe einen Teil von E.’s Körper nackt, und zwar nur den Leib;
Brüste und Genitalgegend sind verdeckt. Der Leib bildet eine glatte Fläche,
ohne Nabel. Da, wo der Nabel sein müßte, wächst auf einmal etwas hervor
wie ein“männliches Organ. Ich berühre es und frage E., ob es empfindlich
sei. Es schwillt nun etwas an. Darauf erwache ich mit Schrecken.“
Der Traum, dessen Analyse verschiedentlich unterbrochen und wieder
aufgenommen wurde, stattet den weiblichen Körper wie den eines Mannes
aus; der Träumer erschrickt vor dem Anschwellen des weiblichen Penis.
Als weitere Determinierung aber ergibt sich das Interesse an der Brust
(der Leib mit dem anschwellenden Auswuchs!), so daß hier eine weibliche
Person in ihrer körperlichen Gesamtheit als Brust dargestellt wird. Der
Traum wird noch verständlicher, wenn man berücksichtigt, daß E. dem
Patienten das Ideal der Mütterlichkeit bedeutet. So wird auch in diesem
Falle die tiefe Sehnsucht des Melancholikers nach dem glücklichen Zustand
an der Mutterbrust erkennbar. Andere Determinierungen des Traumes
werden hier beiseite gelassen.
Zu dem aus der Kindheit stammenden Traum zurückkehrend, vergleicht
der Patient den Eindruck der Szene mit dem versteinernden Anblick des
Medusenhauptes.t Die Schreckwirkung finden wir sowohl in diesem alten
als auch in dem soeben kursorisch gedeuteten Traum.
Über eine Serie von Kindheitseindrücken — darunter der Anblick eines
Erhängten — führen die Assoziationen zu den schon früher analysierten
Beobachtungen der Kindheit, die sich auf das Eheleben der Eltern bezogen.
Es wird klar, daß der mit der Peitsche schlagende Fuhrmann den Vater
im Verkehr mit der Mutter darstellt („Schlagen* in typischer Symbol-
bedeutung), sodann aber stellt sich der Gehängte als ein Mensch heraus,
der im Koitus in der Lage des Succubus erdrückt wird. (Atembeklemmung!)
Die Umkehrung der beobachteten Situation (der Mann unten!) wird deutlich.
In den folgenden Tagen war die Stimmung vielfach deprimiert und
erinnerte an diejenige in dem alten Traum. Ohne von diesem. vorher
gesprochen zu haben, tat der Patient eines Tages die Äußerung, er komme
sich vor, „wie ein fünfjähriger Knabe, der sich irgendwo verirrt hat,“ so
als müsse er Schutz suchen und finde doch keinen. Gleich darauf nannte
er die Depression „infernalisch“*, so wie er jenen alten Traum bereits als
Höllenszene bezeichnet hatte. Die Wahl des Ausdruckes deutete
aber nicht nur auf die Furchtbarkeit seines Leidens hin, sondern auf eine
besondere Tatsache beim Ausbruch der letzten großen Depression. Diese
begann nämlich im unmittelbaren Anschluß an die Lektüre eines Buches,
der „Hölle* von Barbusse, von dem hier nur erwähnt zu werden braucht,
daß es de Beobachtungintimer Szenen enthält; diese spielen
sich in einem Zimmer ab und werden vom Nachbarzimmer aus
gesehen. Damit war ein Hinweis auf die Situation gewonnen, an welche
sich in der Kindheit des Patienten die großen Affektstürme angeschlossen
ı) Man vergleiche hierzu Freuds Analyse dieses Sagenstoffes.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 57
hatten. Wie sehr der Patient in jenen Tagen unter dem sich wiederholenden
Eindruck des kindlichen Schreckens stand, mag ein kleines Vorkommnis
beweisen. Er hörte seine Eltern ein paar Worte leise zueinander sagen.
Er erschrak [und machte „automatisch“ den Versuch, eine aufkommende
Erinnerung „an etwas Schreckliches“ wegzudrängen. Das gleiche heftige
Sträuben bemerkte er sodann bei jedem Gedanken an den Gebundenen
im Traum. In den folgenden Tagen brachte die Analyse eine Anzahl jener
verdrängten Beobachtungen ans Licht. Der Affekt milderte sich, besonders
nahm das Grauen vor dem Gefesselten ab. Und damit tauchte greifbar
deutlich ein Gesamtbild der kritischen Kindheitsepoche auf. „Ich habe
schon als Kind immer um etwas getrauert. Ich war immer ernst, nie
unbefangen. Auf meinen Kinderbildern erscheine ich schon nachdenklich
und traurig.“
Unter Übergehung vieler Einzelheiten der Traumanalyse erwähne ich
nur noch die folgenden: Zu dem „Gehängten“ zurückkehrend, äußerte der
Patient eines Tages: „Sein Kopf war in der Nähe des Nabels befestigt;“
er wollte damit die Mitte des Wagens bezeichnen! Eine Reihe von
Assoziationen ließ es nun evident werden, daß das Unbewußte des Patienten
eine kindliche Sexualtheorie barg, nach welcher der vermutete Penis des
Weibes im Nabel versteckt war. Nun konnte die Analyse auf den Traum
vom weiblichen Leib ohne Nabel, aus dem dann ein Penis wuchs,
zurückgreifen. Im Traum aber ließ sich als hauptsächlicher Antrieb
der Wunsch erweisen: „Die Mutter soll dem Vater zurückgeben, was er
ihr (durch den Koitus) und mir (durch die Prügel) getan hat. Sie soll sich
auf ihn werfen, wie sonst er auf sie und soll ihren versteckten Penis dazu
benützen, um den unter ihr Liegenden zu strangulieren.
In den folgenden Tagen geschah es einmal, daß der Patient einen
Verwandten sah, der für ihn aus bestimmten Gründen eine dem Vater
ähnliche Bedeutung hatte. Plötzlich ertappte er sich bei der Phantasie, er
könne diesen Mann in irgendeinen dunklen Hauseingang drängen und
dort mit den Händen erwürgen — eine für uns durchsichtige Darstellung
der Ödipustat und zugleich eine Anspielung auf die „Erstickung“ im Koitus.
In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß der Patient in der
vergangenen Depression ernstliche Vorbereitungen getroffen hatte, um sich
mit einem Strick zu erhängen. i
Soweit ein Ausschnitt aus der Analyse eines Traumes, der
die Möglichkeit gab, die Stimmung des Patienten in dem frühen
Alter von fünf Jahren in anschaulicher Weise zu rekonstruieren.
Ich möchte von einer Urverstimmung sprechen, die dem
Ödipuskomplex des Knaben entstammt. Die Sehnsucht des
Kindes, die Mutter zur Bundesgenossin im Kampf gegen den
Vater zu gewinnen, wird in eindrucksvoller Weise offenbar.
Die Enttäuschung über die Zurückweisung der eigenen Zärt-
58 z Dr. Karl Abraham
lichkeit_summiert sich zu den aufregendsten Eindrücken des
elterlichen Schlafzimmers. Furchtbare Rachepläne gären in
dem Knaben und sind doch durch die Ambivalenz seiner
Gefühle zur praktischen Aussichtslosigkeit verurteilt. Weder zu
einer ganzen Liebe noch zu einem ungebrochenen Haß befähigt,
verfällt das Kind einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. In den
folgenden Jahren macht das Kind immer erneute Versuche zu
erfolgreicher Objektliebe. Jeder Mißerfolg auf diesem Wege
zieht einen seelischen Zustand nach sich, der eine getreue
Wiederholung der Urverstimmung darstellt. Es ist der Zustand,
den wir als Melancholie bezeichnen.
' Ein Beispiel mag noch beleuchten, wie der Melancholische auch in den
freien Zwischenzeiten stets gewärtig ist, von neuem enttäuscht, verraten
oder verlassen zu werden. Ein Patient, der sich längere Zeit nach Ablauf
einer Depression verheiratet hatte, erwartete — ohne jeden tatsächlichen
Anlaß — die künftige Untreue seiner Frau als etwas Selbstverständliches.
Als einmal von einem im gleichen Hause wohnenden Mann die Rede war,
der um einige Jahre jünger war als er selbst, war seine erste Assoziation:
Mit ihm wird mich meine Frau betrügen! Die Analyse erwies, daß die
Mutter dem Patienten die Treue gebrochen hatte, indem sie den um einige
Jahre jüngeren Bruder „bevorzugte“, d. h. ihn an der Brust ernährte,
Dieser Bruder nahm im Ödipuskomplex des Patienten die Stelle des
Vaters ein. Die Einzelerscheinungen der verschiedenen depressiven Perioden
des Patienten wiederholten getreulich alles, was an Haß, Wut und Resignation,
an Gefühlen des Verlassenseins und der Hoffnungslosigkeit bereits der
infantilen Urverstimmung ihr Gepräge gegeben hatte.
558
Ar,
EN
VIE”
| Die Manie
In der vorliegenden Untersuchung ist die manische Phase
der zyklisch verlaufenden Erkrankungen bisher zurückgetreten
gegenüber der melancholischen. Dies erklärt sich zu einem
Teil aus dem mir zur Verfügung stehenden Material an
Beobachtungen. Dazu kommt die Tatsache, daß die Melancholie
auf psychoanalytischem Wege verständlich gemacht werden kann,
ohne daß wir den psychischen Prozeß der Manie näher kennen.
Die letztere dagegen dürfte uns ihre Geheimnisse nicht preis-
geben, wenn wir nicht bereits im Besitze eines Schlüssels sind,
den uns die Analyse der Depression geliefert hat. So erklärt
sich auch wohl die Tatsache, daß in den Forschungen Freuds
die depressiven Zustände vor den manischen eine recht weit-
gehende Aufklärung gefunden haben. Ich muß im Voraus bekennen,
daß ich in diesem Kapitel die von Freud gewonnenen Ein-
sichten nur in einigen wenigen Beziehungen weiterführen oder
vervollständigen kann. |
Der klinischen Psychiatrie hat sich immer der Vergleich der
Manie mit einem Rauschzustand aufgedrängt, der alle vorher
bestehenden Hemmungen beseitigt. In einer seiner neuesten
| Veröffentlichungen („Massenpsychologie‘) hat Freud dem
manischen Prozeß eine Erklärung gegeben, die zumindest sein
Verhältnis zur melancholischen Depression verständlicher macht.
Ein wesentlicher Unterschied beider Zustände liegt in dem
abweichenden Verhältnis zum Ichideal.
Das Ichideal wird nach Freud’s Darstellung gebildet, indem
die Objekte der kindlichen Libido dem Ich des Kindes introjiziert
60 Dr. Karl Abraham
werden. Sie bilden nun einen Bestandteil des Ich. Das Ichideal
übernimmt jene das Verhalten des Ich kritisierenden Funktionen,
die das Individuum zum sozialen Wesen machen; unter ihnen
ist für den uns beschäftigenden Zusammenhang besonders das
Gewissen hervorzuheben. Das Ichideal gibt somit dem Ich
alle Anweisungen für sein Tun und Lassen, die es einstmals
von den erziehenden Personen empfing.
Diese kritisierende Tätigkeit des Ichideals sehen wir in der
Melancholie zu grausamer Härte gesteigert. In der Manie hin-
gegen finden wir nichts von solch unerbittlicher Kritik am Ich.
Im Gegenteil nehmen Selbstgefälligkeit und Kraftgefühl den
Platz ein, an welchem wir vorher Minderwertigkeitsgefühle und
Kleinheitswahn fanden. Einer meiner Patienten, der sich im
Depressionszustand jede intellektuelle Fähigkeit, ja das einfachste
praktische Können abgesprochen hatte, wurde im Beginn einer
reaktiven Hypomanie alsbald zum Erfinder. Der Manische
schüttelt somit die Herrschaft des Ichideals ab. Dieses letztere
steht dem Ich nicht mehr kritisierend gegenüber, sondern es
hat sich im Ich aufgelöst. Damit ist der Gegensatz zwischen
Ich und Ichideal aufgehoben. In diesem Sinne hat Freud die
manische Stimmung als einen Triumph über das einstmals
geliebte, dann aufgegebene und introjizierte Liebesobjekt auf-
gefaßt. Der „Schatten des Objektes“, der auf das Ich gefallen
war, ist wieder von ihm gewichen. Befreit atmet das Indivi-
duum auf und gibt sich einem förmlichen Freiheitsrausch hin.
Wir erinnern uns hier unserer früheren Ermittlung, daß der
zirkuläre Kranke zum eigenen Ich in hohem Grade ambivalent
eingestellt ist. Wir können Freud’s Feststellung dahin ergänzen,
daß die Einziehung des Ichideals dem Narzißmus gestattet, in
eine positive, lustvolle Phase einzutreten.
Wird das Ich nun nicht mehr vom einverleibten Objekt
aufgezehrt, so wendet sich die Libido mit einer auffälligen Gier
der Objektwelt zu. Vorbildlich für die mannigfachen Erschei-
nungen dieser Umstimmung ist das gesteigerte orale
Begehren, das ein Patient bei sich selbst mit „Freßsucht‘
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 61
bezeichnete. Es beschränkt sich nicht auf die Nahrungsauf-
nahme; „verschlungen“ wird alles, was dem Patienten in den
Weg kommt. Die erotische Begehrlichkeit des Manischen ist
bekannt. Aber mit gleicher Gier nimmt er neue Eindrücke in
sich auf, denen er sich in der Melancholie verschlossen hatte.
Fühlte sich der Patient in der depressiven Phase von der Objekt-
welt wie ein Enterbter ausgeschlossen, so verkündet der Manische
gleichsam, er könne alle Objekte in sich aufnehmen. Dem
lustvollen Aufnehmen neuer Eindrücke entspricht
bezeichnenderweise aber auch ein ebenso rasches und lust-
betontes Wiederausstoßen des kaum Aufgenommenen.
Wer die Assoziationen eines Manischen beobachtet, erkennt
die stürmisch verlaufende Aufnahme neuer Eindrücke und ihre
Wiederausstoßung im ideenflüchtigen Rededrang.
War in der Melancholie das eine introjizierte Objekt eine
einverleibte Speise, die endlich wieder ausgestoßen wurde,
so sind nunmehr alle Objekte dazu bestimmt, in eiligem Tempo
durch den „psychosexuellen Stoffwechsel“ des Kranken hindurch
zu gehen. Die Identifizierung der ausgesprochenen Gedanken
mit Kot ist in den Assoziationen der Patienten unschwer
festzustellen.
Während Freud nun die psychologische Verwandtschaft
der Melancholie mit der normalen Trauer hervorgehoben und
begründet hat, vermißt er im normalen Seelenleben einen
Vorgang, der dem Umschlag der Melancholie in Manie ent-
spricht. Ich glaube mich nun berechtigt, auf ein solches Analogon
im normalen Seelenleben hinzuweisen. Es handelt sich um eine
Erscheinung, die man in Fällen normaler Trauer beobachten
kann, und deren allgemeine Gültigkeit ich vermute, ohne sie
vorläufig erweisen zu können. Man beobachtet nämlich, daß der
Trauernde, der mit Hilfe der „Trauerarbeit“ allmählich seine
Libido von dem Verstorbenen ablöst, zugleich mit dem
Gelingen dieser Ablösung ein gesteigertes sexuelles
Begehren spürt. Dieses kommt auch in sublimierter Form
zum Ausdruck durch erhöhte Unternehmungslust, Erweiterung
62 Dr: Karl Abraham
des geistigen Interessenkreises usw. Die Steigerung des libi-
dinösen Begehrens kann, je nach dem individuellen Ablauf der
Trauerarbeit, kürzere oder längere Zeit nach dem erlittenen
Objektverlust einsetzen. |
Auf dem Psychoanalytischen Kongreß (1922), dem ich unter
anderem auch diese Auffassung vorlegte, machte Röheim
seine inzwischen im Druck erschienenen Mitteilungen über -
primitive Trauerriten,* die keinen Zweifel darüber lassen, daß
ethnologisch der Trauer ein Ausbruch der Libido folgt. Röheim
hat in überzeugender Weise nachgewiesen, daß die Beendi-
gung der Trauer in einem abermaligen symbolischen Töten
(und Fressen)- des Verstorbenen besteht, das aber nunmehr
unter unverkennbarer und unverhohlener Lust erfolgt: Die
Wiederholung der Ödipus-Untat beendet die Trauer der Primi-
tiven. |
Die der pathologischen Trauer — Melancholie — nachfolgende
Manie enthält nun die nämliche Tendenz zu nochmaligem Ein-
verleiben und Wiederausstoßen des Liebesobjektes, ganz wie
Röheim sie in den primitiven Trauerriten nachwies. Die im
Vorstehenden geschilderte Steigerung der libidinösen Strebungen
am Schluß der normalen Trauer erscheint somit als eine blasse
Wiederholung der archaischen Trauerbräuche.
Bei einem meiner Patienten riefen in vorgeschrittenem Studium der
Psychoanalyse gewisse Erlebnisse eine Verstimmung hervor, die bedeutend
leichter als die früheren Depressionszustände verlief und in wesentlichen
Zügen den Zwangszuständen angenäherte war. Diesem Zustand. folgte
eine ganz leichte manische Schwankung. Als sie nach wenigen Tagen
abgeklungen war, berichteie der Patient, er habe während dieser kurzen .
Periode das Bedürfnis nach einem Exzeß gespürt. „Ich hatte den Gedanken,
ich müsse viel Fleisch essen, ja— mich einmal in Fleisch ganz satt und
dumm essen!“ Er habe sich das wie einen Rausch oder eine Orgie
vorgestellt.
Hier wird es ganz deutlich, daß die Manie im tiefsten Grunde eine Orgie
von kannibalischen Charakter darstellt. Die Äußerung des Patienten ist ein
EEE EREEEETER TEE BESTE HEERES EEE DEREN
ı) „Nach dem Tode des Urvaters.“ Imago 1923.
2) Bezüglich solcher Umwandlungen enthält d rs
weitere Angaben. = nthält das folgende Kapitel einig
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 63
schlagender Beweis zugunsten der Auffassung Freud'’s, nach welcher
die Manie ein vom Ich gefeiertes Fest der Befreiuung darstellt. Und dieses
Fest wird in der Phantasie durch ein Schwelgen im F leischgenuß begangen,
dessen kannibalische Bedeutung nach den vorausgegangenen Erörterungen
wohl kaum einem Zweifel unterliegen kann. |
Wie die Melancholie, so bedarf auch die reaktive, manische
Verstimmung eines gewissen Zeitraumes, um sich auszutoben.
Ganz allmählich sinken die narzißtischen Ansprüche des Ich,
werden größere Libidoquantitäten zur Übertragung auf die
Objektwelt freigegeben. Es kommt so nach Abklingen beider
Phasen zu einer relativen Annäherung der Libido an die
Objekte; daß sie unvollkommen bleibt, wurde im Kapitel über
das Verharren der Libido auf der anal-sadistischen Stufe bereits
eingehend nachgewiesen.
Eine Frage, die schon mit Bezug auf die Melancholie erörtert
wurde, muß auch hier noch einmal gestreift werden. Freud
hat in einleuchtendem Vergleich die Manie als ein Fest dar-
gestellt, welches vom Ich gefeiert wird. Er hat dieses Fest mit
der Totem-Mahlzeit der Primitiven, d. h. also mit dem „Urver-
brechen“ der Menschheit in Verbindung gebracht, das in der
Tötung und Verspeisung des Urvaters besteht. Ich muß nun
darauf hinweisen, daß die kriminellen Phantasien in der Manie
vorwiegend der Mutter gelten. In frappanter Weise kam das
bei einem Patienten zum Ausdruck, der sich in der manischen
Erregung mit dem Kaiser Nero wahnhaft identifizierte. Er gab
später als Begründung an, daß Nero seine eigene Mutter getötet,
übrigens auch den Plan gefaßt habe, die Stadt Rom — als
Symbol der Mutter — zu verbrennen. Es sei daher auch hier
wieder bemerkt, daß diese der Mutter zugewandten Regungen
des Sohnes sekundärer Natur sind; sie gelten primär dem Vater,
wie sich in der betreffenden Analyse auch klar erweisen ließ.
Die der Melancholie folgende reaktive Exaltation wird uns
somit zu einem Teil verständlich als ein lustvolles Sich-Hinweg-
setzen über die vorher bestehende qualvolle Beziehung zum
introjizierten Liebesobjekt. Wir wissen aber, daß eine Manie
auch auftreten kann, ohne daß eine Melancholie vorausgegangen
64 Dr. Karl Abraham
ist. Wir vermögen auch diesem Hergang ein gewisses Ver-
ständnis abzugewinnen, wenn wir uns nur der Ergebnisse des
vorigen Kapitels erinnern. Es wurde nachgewiesen, daß sich
an bestimmte seelische Traumen der frühen Kindheit ein Zustand
anschließt, den wir als die „Urverstimmung“ bezeichneten. Die
„reine“ Manie, welche sich oftmals periodisch wiederholt, scheint
mir nun ein Abschütteln der Urverstimmung darzustellen, dem
keine Melancholie im klinischen Sinne vorausging. Da ich über
keine einschlägige Psychoanalyse verfüge, so vermag ich über
diesen Vorgang selbst nichts näheres auszusagen.
Diese Abhandlung ging vom Vergleich der Melancholie mit
der Zwangsneurose aus. Zu unserem Ausgangspunkt noch ein-
mal zurückkehrend, sind wir nunmehr in der Lage, den Unter-
schied in der Verlaufsweise der beiden Krankheitszustände
zu erklären. Der akut einsetzende, intermittierende und rezi-
dıvierende Verlauf der manisch-depressiven Zustände entspricht
einer Ausstoßung des Liebesobjektes, die in gewissen Zeit-
abständen wiederholt wird. Der mehr chronische und
remittierende Verlauf der Zwangszustände entspricht der über-
wiegenden Tendenz zum Festhalten des Objektes.
Im Sinne der Ausführungen von Freud und Röheim können
wir sagen: Wir finden in den beiden Krankheitsformen eine
verschiedenartige psychische Einstellung zur unterlassenen Be
gehung des Urverbrechens. In der Melancholie und Manie wird
es von Zeit zu Zeit auf psychischem Gebiet zur Ausführung
gebracht, ganz wie es bei den Totem-Festen der Primitiven
in Form eines Zeremoniells geschieht. In der Zwangsneurose
beobachten wir ein ständiges Ankämpfen gegen die Begehung
der Odipus-Untat. Die Angst des Zwangsneurotikers zeugt von
seinen Impulsen zu ihrer Ausführung, zugleich aber auch von
der stets wieder überwiegenden Hemmung dieser Impulse.
Weder die Probleme der Melancholie noch diejenigen der
Manie haben im Vorstehenden eine erschöpfende Lösung
erfahren. Die bisherige psychoanalytische Empirie gestattet uns
eine solche noch nicht. Es sei aber daran erinnert, daß diese
Pu we
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 65
Abhandlung nicht in erster Linie der psychologischen Auf-
klärung dieser beiden seelischen Störungen gewidmet ist. Sie
versucht vielmehr, bestimmte, bei manisch-depressiven Kranken
erhobene Befunde für die Sexualtheorie nutzbar zu machen.
Dieses Kapitel möge also mit dem nochmaligen Zugeständnis
schließen, daß das Problem der Neurosenwahl für die zirku-
lären Zustände noch seiner endgiltigen Lösung harrt.
wi
vn
Die psychoanalytische Therapie der
manisch-melancholischen Zustände
Die Aufgabe einer idealen Therapie der Melancholie ist
nach den vorausgegangenen Erörterungen leicht zu umschreiben.
Sıe bestände darin, die regressiven Antriebe der Libido auf-
zuheben und an ihrer Statt eine Progression der Libido zur
vollen Objektliebe und zur genitalen Organisation zu bewerk-
stelligen. Ist diese Aufgabe in irgendeinem Umfange mit
Hilfe der Psychoanalyse lösbar? Diese Frage zu beant-
worten, soll hier versucht werden, lediglich unter Berufung
auf die bereits vorliegenden Erfahrungen. Denn ein voreiliger
therapeutischer Optimismus auf psychoanalytischer Seite wäre
hier ebenso unangebracht wie der herkömmliche Nihilismus
der klinischen Psychiatrie.
Schon ıgıı habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß die
zum Erfolg der Therapie notwendige Übertragung beim
Melancholiker wenigstens in gewissen Stadien, vornehmlich
aber. im freien Intervall, in einem Umfang herzustellen sei, der
den Versuch der Therapie gestatte. Ich habe auch die letzten
Psychoanalysen Melancholischer, einem Rate Freuds folgend,
begonnen, als sie sich im Übergangsstadium von der Depression
zum freien Intervall befanden. Es ist also eine glatte Selbst-
verständlichkeit, daß ich das weitere Abklingen der melan-
cholischen Symptome nicht etwa der eingeleiteten Therapie
zuschreiben werde. Dieser Vorgang, der sich in jedem Fall
spontan abspielt, aber dem Patienten niemals die Erreichung
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 67
voller Objektliebe — dieses Kriterium wirklicher psychischer
Gesundheit — zum Geschenk macht, erscheint mir überhaupt
nicht das Ziel psychoanalytischer Therapie zu sein. Ihre Auf-
gabe habe ich bereits skizziert. Sie müßte dem Patienten in
erster Linie eine Herstellung über das Ergebnis der einfachen
Symptomheilung hinaus gewähren, zugleich aber ihm einen
Schutz gegen erneute Erkrankung bieten. Die Erreichung des
ersteren Zieles müßte sich durch vielerlei Veränderungen
im gesamten Seelenleben des Patienten kundtun, wie sie zuvor
im freien Intervall spontan nicht eintraten. In dieser Beziehung
wäre also die Wirkung der Therapie objektiv festzustellen.
Dagegen bedürfte man eines langen Zeitraumes und ständiger
sorgfältiger Beobachtung, um aussagen zu können, ob die
Verhütung neuer Erkrankung geglückt sei.
Die neuerdings von mir ausgeführten Psychoanalysen
Melancholischer sind noch nicht zum vollen Abschluß gelangt,
so daß also eine Voraussage über die Dauerwirkung der
Therapie gänzlich entfällt. Ich kann also nur eine Aufzählung
derjenigen Wirkungen geben, die mit unanfechtbarem Recht
der Behandlung zuzuschreiben sind. Ich nenne in dieser
Hinsicht:
1.) Die Fähigkeit des Patienten zur „Übertragung“ nimmt
manchmal sichtbar zu im Anschluß an ein bestimmtes Stück
der Analyse. Bei dem Patienten, dessen Kindheitstraum ich im
fünften Kapitel besprach, änderte sich unter dem Einfluß dieses
Teiles seiner Analyse das gesamte Verhalten zum Arzt. Wir
wissen aber, daß die geglückte Übertragung auf den Arzt eine
Vorbedingung wichtiger Veränderungen ist.
2.) Das narzißtisch-ablehnende Verhalten zu bestimmten
Personen oder zur gesamten Umgebung und die heftige Reiz-
barkeit dieser gegenüber treten in einer Weise zurück, die früher
im Intervall nie erreicht wurde.
3.) In einem Falle wurde die Einstellung zum weiblichen
Geschlecht weitgehend geändert. Das obsedierende Interesse
für Dirnen schwand. Die Libido konnte allmählich in einer
3”
68 Dr. Karl Abraham
durchaus normalen Weise einer bestimmten Person zugewandt
werden. Nach einer Menge mißglückter Versuche der erste
Erfolg dieser Art im Leben des Patienten!
4.) Der gleiche Patient hatte früher auch im Intervall die
eigene Minderwertigkeit in selbstquälerischer Weise betont.
Als die Analyse des Introjektionsvorganges zu einem großen
Teil geglückt war, überraschte der Patient mich mit dem
Zugeständnis einer großen Erleichterung; wie er sich aus-
drückte, hatte er aufgehört, sich für ein „Monstrum“ zu halten.
Diese vor etwa dreiviertel Jahren eingetretene Veränderung ist
seither bestehen geblieben.
5.) Das wichtigste Kriterium scheinen mir die
passageren Neubildungen von Symptomen darzu-
stellen. Wie früher erwähnt, haben die Patienten im freien
Intervall öfter leichte Verstimmungen, die aber alle wesent-
lichen Kennzeichen der Melancholie, bezw. Manie aufweisen.
Die zwei seit mehr als eineinhalb Jahren von mir behandelten
Patienten waren nun wiederholt starken, von außen kommenden
Gemütserschütterungen ausgesetzt, wie solche früher und auch
in der ersten Zeit der Behandlung, stets ausgeprägte melan-
cholische Folgeerscheinungen gezeitigt hatten. Mit einer Regel-
mäßigkeit, die den Zufall ausschließt, beobachte ich seither,
daß die gelegentlichen Neubildungen von Symptomen aus
solchem Anlaß einen veränderten Charakter tragen. Wieder-
holt konnte ich beobachten, wie in dem Patienten etwas zur
Erneuerung der melancholischen Depression drängte, wie
zum Beispiel angesichts einer lebenswichtigen, praktischen Ent-
scheidung die Neigung zur erneuten Flucht in die Krankheit
hervortrat. Aber die Voraussetzung einer Melancholie, das Auf-
geben des Objektes, tratnicht ein. Es kam zwar zur Neubildung
eines Symptoms, aber es trug den Charakter des psychischen
Zwanges, der Phobie oder der hysterischen Konversion. Ich
konnte mich nicht dem Eindruck entziehen, daß der Patient
keine echte Depression mehr zustande brachte.
Die Hebung einer Psychoneurose vom melancholischen auf das
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 6g
hysterische Niveau erscheint mir als ein bemerkenswerter und
bedeutungsvoller Vorgang. Die Tatsache, daß die Objektliebe
des Patienten sich äußeren Einflüssen gegenüber resistenter
zeigt als früher, ist zweifellos von erheblicher praktischer Trag-
weite. In einem nächsten Aufsatz über die Entwicklung der
Objektliebe werde ich bei dieser Frage länger verweilen und
sie mit Beispielen belegen.
Ich habe im vorstehenden vielerlei günstige Einzelwirkungen
der Therapie nicht erwähnt, weil sie keine prinzipielle
Bedeutung zu haben schienen. Dagegen will ich noch darauf
hinweisen, daß ich mit besonders schwierigen, wiederholt
rezidivierten Fällen zu arbeiten hatte. Mit aller Bestimmtheit
gewann ich den Eindruck, daß sich bei jüngeren Patienten, die
sich noch nicht so häufig durch Erkrankung dem Leben ent-
zogen haben, ein rascherer und greifbarer Erfolg sehr wohl
wird erzielen lassen. Den obigen Bericht über den Verlauf der
bisher behandelten Fälle werde ich später ergänzen.
Da ich selbst keine genügenden Erfahrungen über die Dauer-
wirkung der Therapie der Melancholie besitze, so ist es mir
um so wertvoller, ein Urteil von berufener Seite anführen zu
können. Nach privater Mitteilung von Prof. Freud verfügt er
über zwei Fälle von dauernder Heilung; der eine ist seit mehr
als zehn Jahren rückfallsfrei geblieben.
Ich darf die Frage der Therapie nicht verlassen, ohne des
subjektiven Wertes zu gedenken, den die psychoanalytische
Behandlung gerade für depressive Patienten hat., Der Erfolg
seelischer Entspannung ist oft eklatant und wird von den
Patienten spontan hervorgehoben. Es darf nicht vergessen
werden, daß gerade diese Kranken stets als die Unzugäng-
lichsten, Unbeeinflußbarsten galten. |
Ich meine daher, daß man bei aller berechtigten Zurück-
haltung in der Bewertung psychotherapeutischer Resultate doch
nicht befugt sei, der Psychoanalyse eine Wirkung auf den
Zustand des zirkulären Kranken abzusprechen. Ich glaube auch,
daß eine Gefahr der Überschätzung unserer Erfolge kaum
70 Dr. Karl Abraham
gegeben ist. Denn die Psychoanalyse, die uns die Widerstände
des Patienten in ihrer ganzen Stärke vor Augen führt und
uns zu vielmonatiger, mühevoller Arbeit im Einzelfalle nötigt,
birgt in sich selbst den sichersten Schutz gegen einen zu weit
gehenden therapeutischen Optimismus.
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In der vorausgegangenen Abhandlung habe ich versucht,
neben der Psychologie gewisser seelischer Krankheitszustände
auch dieSexualtheorie ein Stück weiter zu fördern. Doch
beschränkte ich mich in dieser Beziehung darauf, die Lehre
von den prägenitalen Organisationsstufen der Libido
auszubauen. Dieser Teil der Sexualtheorie umfaßt die Wand-
lungen, welche während der psychosexuellen Entwicklung
des Menschen hinsichtlich des Sexualzieles vor sich gehen.
Von ihnen aber sondern wir seit Freuds grundlegenden
Untersuchungen: diejenigen Vorgänge, welche das Verhältnis
zum Sexualobjekt betreffen. Unsere bisherigen Annahmen
über die Ontogenese der Objektliebe werden den Tatsachen
nicht in genügendem Umfang gerecht. Besonders die Psycho-
analyse der Krankheitszustände, welche wir mit Freud als
„narzißtische Neurosen“ zusammenfassen, stellt uns einer Anzahl
von psychosexuellen Erscheinungen gegenüber, welchen wir
unsere Theorie anpassen müssen. Dieser Aufgabe ist der nach-
folgende Versuch gewidmet. j
Wenn das Verhältnis des Individuums zum
Liebesobjekt einer gesonderten entwicklungsgeschichtlichen
Betrachtung unterworfen werden soll, so bedeutet das keines-
wegs eine Vernachlässigung der vielfachen und engen psycho-
logischen Zusammenhänge mit dem Gegenstand der früheren,
Untersuchung. Im Gegenteil werden diese im folgenden klarer
und übersichtlicher hervortreten als bisher. Und wie in dem
früheren Aufsatz wichtige Phänomene der Objektrelationen, wie
zum Beispiel die Ambivalenz im menschlichen. Triebleben,
‘ ı) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, I. Auflage, 1905.
74 Dr. Karl Abraham
bereits in weitem Umfang berücksichtigt worden sind, so kann
auch jetzt eine Lostrennung einzelner Fragen nicht in Betracht
kommen. Ja, eine gedrängte Zusammenfassung der Lehre von
den Organisationsphasen der Libido wird uns am leichtesten
erkennen lassen, welcher Ergänzungen die Entwicklungs-
geschichte der Objektliebe bedarf.
Wir erkannten im Bereich der anal-sadistischen Phase zwei
verschiedenartige Lusttendenzen: eine primitivere des Aus-
stoßens (Entleerens) und Vernichtens und eine spätere des
Festhaltens und Beherrschens. Wir wurden so auf empirischem
Wege zur Annahme einer Stufung innerhalb der anal-sadistischen
Phase geführt, die wir bisher als einheitlich betrachtet hatten.
Der Melancholiker — so mußten wir schließen — regrediert
zur tieferen der beiden Stufen, bleibt aber auf ihr nicht stehen;
seine Libido strebt einer noch primitiveren, der kannibalischen
Stufe zu, auf welcher die Einverleibung des Objektes zum Ziel
des Triebes wird. ‚Das aufgegebene, verlorene Liebesobjekt
wird vom Unbewußten mit dem wichtigsten körperlichen Aus-
stoßungsprodukt — Kot — gleichgesetzt und durch den als
Introjektion bezeichneten Vorgang dem Ich wieder einverleibt.
Der Melancholiker vermag aber durch dieses Maß von Regression
dem Ambivalenzkonflikt nicht zu entrinnen, ja der letztere
steigert sich sogar und läßt im Kranken die Sehnsucht nach
einer noch älteren Entwicklungsstufe mit dem Sexualziel des
Saugens aufkommen, die wir als vorambivalent bezeichnen
mußten. Nachdem sich somit die Sonderung zweier Stadien in
der oralen Phase ebenfalls als notwendig erwiesen - hatte,
gelangten wir endlich zu einer Unterscheidung zweier Stufen
auch innerhalb der späten, genitalen Phase; erst die jüngere
dieser beiden durften wir als ambivalenzfrei (nach-ambivalent)
ansehen. |
Die Annahme zweier Stufen innerhalb jeder der drei großen
Phasen scheint den empirisch erkannten Veränderungen hin-
sichtlich des Sexualzieles vorläufig in ausreichender Weise
Rechnung zu tragen. Auch gelang es uns, gewisse Krankheits-
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 75
._—
zustände in bestimmterer Weise als früher in einen genetischen
Zusammenhang mit denStufen der Libidoorganisation zu bringen.
Erhebliche Lücken, welche in dieser Hinsicht noch bestehen,
sollen aber nicht verschwiegen werden. Beispielsweise fehlt
uns bisher eine derartige Erkenntnis noch für die paranoischen
Krankheitszustände; auf diesen Punkt wird später zurück-
zukommen sein.
Weit unvollkommener sind unsere bisherigen Einblicke ın
die Entwicklung der Objektliebe. Ganz wie wir bisher drei
Organisationsstufen der Libido unterschieden hatten, so kannten
wir auch drei Stadien in der Entwicklung des Verhältnisses
zum Objekt. Wir verdanken Freud die ersten fundamentalen
Aufklärungen auch auf diesem Gebiete. Er unterschied einen
autoerotischen, objektlosen Zustand, der in die früheste Kind-
heit fällt, ein narzißtisches Stadium, in welchem das Individuum
sich selbst zugleich Liebesobjekt ist und ein drittes Stadium
der Objektliebe im eigentlichen Sinne des Wortes. Die nach-
folgende Untersuchung bemüht sich zu zeigen, inwieweit wir
in der Lage sind, diesen Teil der Sexualtheorie zu ergänzen.
Was ich zur Ausfüllung der Lücken in unserem Wissen
glaube beitragen zu können, entstammt einem besonderen Teil
der psychoanalytischen Empirie, nämlich der Beschäftigung mit
den „narzißtischen“ Neurosen und mit gewissen Neurosen der
Objektstufe, die den narzißtischen in bestimmter Hinsicht nahe
stehen.
Die manisch-depressiven Krankheitsfälle, auf deren Analyse
sich der frühere Teil dieser Abhandlung gründete, vermögen
auch zur Lösung der uns nunmehr beschäftigenden Fragen
erhebliche Beiträge zu liefern. Es fügte sich, daß ich zugleich
mit jenen Patienten und ebenfalls durch einen langen Zeitraum
zwei weibliche Kranke zu behandeln hatte, über deren neuro-
tische Zustände ich hier in kurzem Auszug berichten muß.
Sie unterscheiden sich im äußeren Krankheitsbild wesentlich
von den melancholischen Kranken; warum ich sie diesen an die
Seite stelle, wird alsbald ersichtlich werden.
76 Dr. Karl Abraham
nn nn
—
Die erste dieser Patientinnen, die-ich als „Fräulein X.“ bezeichne, bot
ein kompliziertes Krankheitsbild, aus dem ich nur die hauptsächlichsten
Züge heraushebe. Als ersten nenne ich eine seit dem sechsten Lebens-
jahre bestehende, ausgeprägte Pseudologia phantastica, neben dieser schwere
kleptomanische Impulse, dem gleichen Lebensalter entstammend. Drittens
litt ‘die Patientin unter Anfällen von verzweifelter Stimmung, die durch
kleinste Anlässe ausgelöst werden konnten und in vielstündigem,
unbeherrschbarem Weinen ihren Ausdruck fanden. Ich erwähne sogleich
die zwei hauptsächlichsten Determinationen dieses zwanghaften Weinens.
Es ließ sich zunächst vom Kastrationskomplex herleiten und bezog sich
auf den „Verlust“ der Männlichkeit mit allen. seinen Folgen, wie z.B. Neid
auf den bevorzugten jüngeren Bruder usw. Die geringste tatsächliche oder
vermeintliche Zurücksetzung löste den stundenlangen Tränenstrom aus,
ebenso aber eine Frage des Lehrers in der Schule und ähnliche Anlässe,
"die alle als Anzweiflung ihres Könnens, als Erinnerung an ihre weibliche
Wunde wirkten. Während der Menstruation, die in typischer Weise den
Kastrationskomplex zu erregen pflegte, erfuhr das Weinen: kaum eine
"Unterbrechung. Die andere Determinierung des Weinens hing mit dem
Verhältnis der Patientin zu ihrem Vater zusammen. Sie beweinte den
Verlust des Vaters, aber nicht den realen, durch seinen Tod eingetretenen,
sondern den Verlust des Vaters im psychologischen Sinne, an den sich
die frühesten Symptombildungen ihrer Neurose angeschlossen hatten. In
ihrer Kindheit hatte sich früh eine besonders starke Übertragungsliebe zum
Vater gebildet, die — nach dem Ergebnis der Psychoanalyse — in der
ersten Hälfte des sechsten Lebensjahres in ihrer Entwicklung jäh unter-
brochen wurde. Die Patientin teilte damals, in der Rekonvaleszenz nach
einer Krankheit, das Schlafzimmer der Eltern und hatte Gelegenheit zu
Beobachtungen, die sich außer auf den ehelichen Verkehr der Eltern auch
auf den Körper des Vaters erstreckten. Ihre Schaulust steigerte sich
außerordentlich, bis sie einer intensiven Verdrängung unterlag. Neben
anderen, dem Psychoanalytiker bekannten Wirkungen der damaligen
Erlebnisse muß ich hier eine individuelle Folgeerscheinung hervorheben.
Die Patientin klagte über den Verlust jedes persönlichen Gefühlskontaktes
mit dem Vater, ja über eine Unfähigkeit, sich seine Person überhaupt
gedanklich vorzustellen. Weder zärtlich-liebevolle noch sinnliche Regungen
für den Vater kamen ihr zum Bewußtsein. Was sich nachweisen ließ, und
zwar aus einer Fülle von neurotischen Erscheinungen, war ein ganz
‚ spezialisiertes, zwanghaftes Interesse für einen einzigen Körperteil des
Vaters, für den Penis. Der Vater hatte aufgehört, für die Patientin als
ganzer Mensch zu existieren, nur ein einzelner Teil von ihm war übrig
geblieben. Dieser bildete das Objekt eines Schauzwanges der Tochter
(Spähen nach den Umrissen der Genitalien durch die Kleidung des Vaters.)
ı) Daß die abundante Tränenproduktion dem unbewußten Wunsch
entsprach, in männlicher Weise zu urinieren, sei nebenher erwähnt.
oo
mn
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 77
BE EEE NEE ENTE NEAR.
Außerdem aber identifizierte sie sich unbewußt bald mit dem Vater, bald
mit seinem Genitale, welches ja für sie der eigentliche Repräsentant des
Vaters geworden war. Ihre kleptomanen Antriebe entsprangen zum erheb-
lichen Teil der aktiven, gegen den Vater gerichteten Kastrationstendenz,.
Dem V-ater den geneideten Besitz rauben, um diesen dann selbst zu haben .
oder sich mit diesem zu identifizieren, war das unbewußte Ziel ihrer
Diebstähle, deren Zusammenhang mit der Person des Vaters aus mancherlei
Anzeichen zu entnehmen war. Beispielsweise hatte sie einmal aus dem
Schlafzimmer des Vaters ein Klystierrohr entwendet, das sie — als Surrogat
des väterlichen Gliedes — zu analerotischen Praktiken benützte. Andere
Formen der „Kastration‘ bestanden im Entwenden von Geld („Vermögen“)
aus der Börse des Vaters, im Stehlen von Federhaltern, Bleistiften und
ähnlichen Symbolen der Männlichkeit, wie es uns auch aus anderen Fällen
von Kleptomanie geläufig ist.
Der Kastrationskomplex der Patientin erwies sich aber auch als eine
wesentliche Quelle ihrer Pseudologie. Bedeutete die Kleptomanie: „Ich
nehme mir mit List oder Gewalt, was mir vorenthalten (oder genommen)
ist‘, so ließ eine hauptsächliche Determinierung des Lügens sich in der
Formel ausdrücken: „Ich besitze den ersehnten Körperteil, ich bin dem
Vater gleich.“ Von besonderem Interesse ist die Angabe der Patientin,
daß sie beim Erzählen phantastischer Lügen einer starken sexuellen Erregung
unterlag, zugleich aber einer Sensation, als wüchse an ihrem Unterleib
etwas Schwellendes hervor. Diese Sensation verband sich mit einem Gefühl
von körperlicher, vordringender Gewalt, ebenso wie ihr das Lügen selbst
ein Gefühl der psychischen Macht, der geistigen Überlegenheit gab.
Dem hier nur in groben Umrissen geschilderten Verhältnis der Patientin
zum Vater war dasjenige zu den anderen Personen ihrer Umgebung
ähnlich. Ein eigentlicher seelischer Kontakt fehlte durchaus. Das Lügen
bedeutete für die Patientin durch viele Jahre die einzige Form geistiger
Beziehung zur Außenwelt.
Dieser Zustand entsprach also keinesfalls einer regelrechten,
vollkommenen Objektliebe; wie erwähnt, war er ja auf dem
Wege der Regression aus einer solchen hervorgegangen. Den-
noch bestand eine gewisse Relation zu den Objekten, die
überdies mit größter Zähigkeit festgehalten wurde. Die weitere
Psychoanalyse der Kleptomanie in diesem und in einigen anderen
Fällen gab aber Aufschluß über den Charakter dieser eigen-
tümlichen, unvollkommenen Art der Objektliebe. Träume und
Tagträumereien der Patientin enthielten in vielfacher Wieder-
holung die Vorstellung der Kastration auf dem Wege des
Beißens. Das Ziel der Phantasie war nicht die Einverleibung
des Liebesobjektes in seiner Gesamtheit, sondern das
78 Dr. Karl Abraham
Abbeißen und Verschlingen eines Teiles, mit
welchem die Patientin sich dann identifizierte. Dieser Vorgang
der partiellen Einverleibung scheint auch in anderen Fällen
von Kleptomanie vorzuliegen.
Eine andere Patientin, die ich als Fräulein Y. bezeichne, litt an einer
schweren Neurose, deren aufdringlichstes Symptom ein schweres.
hysterisches Erbrechen bildete. Daneben bot sie ausgeprägte klepto-
manische Neigungen. Die Determinierung von der Seite des Kastrations-
komplexes war auch hier evident. Die Stehlneigung hatte sich aufgebaut
auf eine unbezähmbare kindliche Neigung, mit den Händen alles auszu-
rupfen, besonders Blumen und Haare. Dieser Antrieb aber war bereits die
Umbildung des Dranges, alles „Hervorstehende“* mit den Zähnen abzu-
beißen. Vielfach tauchten bei der Patientin auch im erwachsenen Alter
noch Phantasien dieses Inhalts auf. Sobald sie einen Mann kennen lernte,
stellte sich zwangsmäßig die Vorstellung ein, ihm den Penis abzubeißen.
Ihr neurotisches Erbrechen stand mit diesen oral-sadistischen Antrieben
im engsten Zusammenhang. Im Phantasieleben dieser zweiten Patientin
hatte ebenfalls der Vater als Mensch alle Bedeutung verloren. Das libidinöse
Interesse war auf den Penis allein konzentriert. Als der Vater gestorben war,
vermochte auch sie keine Trauer zu empfinden. Dagegen trat mit größter
Lebhaftigkeit die Phantasie auf, den Toten. durch Beißen des Penis zu
berauben und diesen dann zu behalten. Vielfach phantasierte sie in Tag-
träumereien vom Koitus mit einem Penis „ohne einen Mann daran“.
. Die beiden Patientinnen glichen sich des weiteren darın,
daß auch die Mutter in ‚ihren Vorstellungen durch einen
einzelnen Körperteil repräsentiert wurde, nämlich durch die
Brust, welche unverkennbar mit dem vom Kinde angenommenen
Penis des Weibes identifiziert wurde, oder auch durch das
Gesäß, das wiederum die Brust ersetzte. Die Beziehung zur
Munderotik (Beißlust) war überdeutlich und ließe sich durch
viele Beispiele belegen. Ein einzelnes möge genügen. Die
Patientin X. träumte einmal: „Ich fresse an einem Stück Fleisch,
indem ich mit den Zähnen daran zerre und es schließlich auch
verschlucke. Auf einmal merke ich, daß das Stück Fleisch, an
dem ich fresse, das Rückenteil einer Pelzjacke ist, die der
Frau N. gehört.“
Die Bezeichnung „Rückenteil“ wird leicht verständlich als
Folge einer Verlegung von vorn nach hinten. Im gleichen Sinne
spricht die sehr häufige symbolische Verwendung des Pelzes
/
Ar
an
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 79
als Anspielung auf das weibliche Genitale. Frau N. trägt tat-
sächlich einen Tiernamen, und zwar den Namen derjenigen
Tierart, welche in vielen Träumen der Patientin in der Bedeutung
.der Mutter erschienen war.
Die „Verlegung nach hinten“ findet sich aber in den Vor-
stellungen beider Patientinnen auch sonst vertreten. Beide
empfanden einen Ekel vor der Mutter und jede setzte in ıhren
Phantasien und in gewissen Symptomen die Mutter mit dem
Inbegriff des Ekels gleich, nämlich mit Kot. So wurde also ın
ihren Phantasmen die Mutter durch einen losgelösten Körper-
teil (Penis, Kot) repräsentiert.
In beiden Fällen trat eine dem Grad nach erhebliche
Regression der Libido zum Narzißmus zutage. Doch lag keines-
falls eine totale Regression vor; nur war die Objektliebe,
bevor durch die Psychoanalyse eine Wandlung erfolgte, in einem
bestimmten Sinne unvollkommen zur Entwicklung
gelangt oder durch Regression zu einem Stadium unvoll-
kommener Entwicklung zurückgekehrt. Es mußte sich wohl um
ein Übergangsstadium zwischen Narzißmus und Objektliebe
handeln. In gleicher Richtung wies auch eine andere Erfahrung,
die ich mit beiden Patientinnen machte und später an anderen
Personen wiedererlebte. Die Libido befand sich in einer unver-
kennbar ambivalenten Einstellung zum Objekt mit starker
Tendenz zu seiner Schädigung. Und dennoch war diese objekt-
zerstörende Tendenz bereits eingeschränkt. Das Sexualziel
mußte auf dieser Stufe darin bestehen, daß das Objekt eines
Körperteiles beraubt, also in seiner Integrität gestört wurde,
ohne aber seine Existenz im ganzen einzubüßen. Man wird an
das Kind erinnert, das einer Fliege ein Bein ausreißt, dann
aber das Tier entkommen läßt. Auf die ausgeprägte Beteiligung
der Beißlust an dieser uns bisher entgangenen Form der Objekt-
relation muß noch einmal hingewiesen werden.
Ganz entsprechende psychologische Vorgänge habe ich nun
bei den beiden manisch-depressiven Patienten feststellen können,
von welchen ich im ersten Teil dieser Schrift ausführlicher
8o Ar: Dr. Karl Abraham
berichtet habe. Aber die einschlägigen Erscheinungen traten
erst mit dem Abklingen der schweren Krankheitserscheinungen
hervor. Solange die letzteren dauerten, war die kannibalische,
objektzerstörende Tendenz der Libido in vielfacher Form nach-
weisbar. In der Rekonvaleszenz traten bei dem einen Patienten
sehr häufige Wunschphantasien auf, einem ıhm nahestehenden
jungen Mädchen die Nase, das Ohrläppchen, die Brust abzu-
beißen. Andere Male spielte er mit dem Gedanken, seinem
Vater einen Finger abzubeißen. Als er einmal glaubte, ich
wolle seine Behandlung nicht weiter führen, war blitzartig die
gleiche Vorstellung in Bezug auf meine Person zur Stelle. Das
Abbeißen eines Fingers wies eine Reihe von Determinierungen
auf, unter welchen die Kastrationsbedeutung kaum der
Erwähnung bedarf. Von Interesse ist an dieser Stelle vor allem
der Ausdruck der Ambivalenz in jener Phantasie. Durch das
Abbeißen eines Körperteiles wurde der Arzt — als Ersatz des
Vaters — verstümmelt. Aber neben dieser objektfeindlichen
Wirkung darf uns die objektfreundliche Tendenz nicht entgehen.
Sie äußert sich in der Erhaltung des Objektes bis auf einen
Teil, zugleich aber in dem Begehren, diesen Teil des Objektes
‚zum unverlierbaren Eigentum zu nehmen. Wir dürfen mit
Recht von einem Antrieb zur partiellen Einverleibung
des Objektes reden. Der Patient, von dem ich soeben berichtete,
gebrauchte einmal den Ausdruck, er habe Lust, jenes Mädchen.
(das er mit seiner Mutter identifizierte) „bissenweise zu fressen“.
Wie nahe ihm in diesem Stadium der Psychoanalyse die Vor-
stellung des „Abbeißens“ lag, mag folgender Vorfall verdeut-
lichen. Der Patient sprach einmal über einen Vorgesetzten, der
seinem Unbewußten zugleich Vater und Mutter repräsentierte
und dem er äußerst ambivalent gegenüberstand. Wie auch
sonst schon oft, so ging das freie Assoziieren bei ihm auch
dieses Mal fließend in ein Phantasieren über, das durchaus
bildhaften Charakter trug, zuweilen aber durch eine plötzliche
affektive Sperrung unterbrochen wurde. So geschah es auch,
als er von dem Vorgesetzten sprach. Zur Erklärung der ein-
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 8:
—
getretenen Stockung seiner Assoziationen fügte der Patient
spontan hinzu: „Ich muß ihm jetzt (d. h. in der augenblicklich
phantasierten Situation) zuerst den Bart mit den Zähnen aus-
gerissen haben; eher komme ich nicht weiter.“ Nach dem
selbstgeschilderten Eindruck des Patienten gab es also keine
Möglichkeit des Ausweichens vor solchen sich aufdrängenden
Phantasien. Ihr Charakter aber ist unverkennbar derjenige
eines partiellen Kannibalismus.
Der Totalkannibalismus ohne jede Einschränkung ist
nur möglich auf Grund des uneingeschränkten Narzißmus.
Auf dieser Stufe wird nur das Lustbegehren des Subjektes
berücksichtigt. Das Interesse des Objektes findet überhaupt
keine Beachtung; letzteres wird ohne jedes Bedenken zerstört. ?
Das im Obigen geschilderte Stadium des partiellen Kannibalismus
trägt noch die klaren Zeichen der Abkunft vom totalen
Kannibalismus an sich, unterscheidet sich aber von ıhm auch
in einschneidender Weise. Der erste Anfang einer Rücksicht-
nahme auf das Objekt tritt hier in die Erscheinung. Diese
teilweise Schonung aber dürfen wir als ersten Anfang der
Objektliebe in einem engeren Sinne betrachten, weil sie den
Beginn einer Überwindung des Narzißmus bedeutet. Fügen wir
sogleich hinzu, daß das Individuum auf dieser Entwicklungsstufe
noch weit davon entfernt ist, ein anderes Individuum als
solches neben sich anzuerkennen und es körperlich oder
psychisch in seiner Gesamtheit zu „lieben“! Das Begehren
richtet sich noch auf die Wegnahme eines Teiles vom Objekt
zum Zwecke der Einverleibung; das bedeutet allerdings zu
gleicher Zeit einen Verzicht auf das rein narzißtische Ziel des
Totalkannibalismus. |
Ist unser Blick für gewisse frühe Entwicklungsvorgänge
durch die obige Erörterung erst einmal geschärft, so wird es
1) Der uns bei primitiven Völkern bekannte Kannibalismus, nach welchem
wir ein Entwicklungsstadium der infantilen ‚Libido benennen, kann nicht
als uneingeschränkt bezeichnet werden. Es wird keineswegs irgendein
beliebiger Mensch von einem Beliebigen getötet und verspeist, sondern es
besteht eine ganz bestimmte affektiv bedingte Auswahl.
6
82 | | DrKarl Abraham
an Bestätigungen durch direkte Beobachtung an Kindern gewiß
nicht fehlen.
Wenn man — wie es im vorstehenden geschah — eine
Strecke weit auf unbekannten Wegen gegangen ist, so muß
man froh sein, irgendwo wieder eine Wegspur aufzufinden,
‚die frühere Wanderer hinterlassen haben. An dieser Stelle nun
können wir eine solche Spur aufnehmen.
Vor mehreren Jahren haben zwei Autoren, deren Zuverlässig-
keit als Beobachter außer Zweifel steht, unabhängig von-
einander unsere Kenntnis von der Psychologie des paranoischen
Verfolgungswahnes erweitert. Van Ophuijsen! und Stärcke?
entdeckten nämlich in ihren Psychoanalysen, daß in der
Paranoia der „Verfolger“ sich zurückführen läßt auf die
unbewußte Vorstellung von einem Scybalum im Darm des
‚Kranken, welches von seinem Unbewußten mit dem Penis des
„Verfolgers“, d. h. des ursprünglich geliebten Wesens gleichen
Geschlechtes, identifiziert wird. Der Verfolger ist also in der
Paranoia repräsentiert durch einen ihm gehörigen Körperteil,
den der Verfolgte in sich zu tragen wähnt; er möchte sich
von dem Fremdkörper befreien, ist aber dazu nicht imstande.
Ich gestehe, daß ich die ganze Bedeutung dieses Fundes
der beiden Autoren seinerzeit nicht erkannt habe. Er stand allzu
isoliert da, ohne sich in geläufige Zusammenhänge zwanglos
‚einzureihen, obwohl die Beziehungen zwischen Paranoia und
Analerotik bereits von Ferenczi erkannt waren. Jetzt ordnet
die Entdeckung der beiden holländischen Autoren sich einem -
größeren Zusammenhang ein und gewinnt damit eine erhöhte
Bedeutung für uns. |
Wenn der Paranoiker die libidinöse Beziehung zu seinem
Objekt und zu den Objekten überhaupt verloren hat, so sucht
er diesen Vorgang, der ihm subjektiv als „Weltuntergang“
erscheint, nach Möglichkeit zu kompensieren. Er schreitet, wie
—————
ı) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VI, 1920, p. 68 f.
2) ibid. Bd. V, 1919, p. 258.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 83
wir seit Freuds Analyse des Falles Schreber annehmen,
zu einer Rekonstruktion des verlorenen Objektes. Wir dürfen
über diesen Prozeß der Rekonstruktion jetzt aussagen, daß
der Paranoiker sich einen Teil des Objektes einverleibt. Er
erleidet dabei ein ähnliches Schicksal wie der Melancholiker,
wenn er sich das gesamte Objekt durch Einverleibung introjiziert
hat. Auch er entgeht damit dem Ambivalenzkonflikt nicht. Und
so trachtet auch er, sich des aufgenommenen Teiles wieder zu
entledigen, und das kann auf dem Niveau seiner psychosexuellen
Entwicklungsstufe wiederum nur auf analem Wege gedacht
werden. Für den Paranoiker wird also das Liebesobjekt
repräsentiert durch Kot, den er nicht ausstoßen kann. Der
introjizierte Teil des Liebesobjektes will nicht wieder von ihm
gehen, so wie beim Melancholiker das in toto introjizierte Objekt
seine tyrannische Herrschaft ausübt.
Wir kommen somit zu der Auffassung, daß der Melancholiker
sich das aufgegebene Liebesobjekt in toto wieder einverleibe,
während der Paranoiker sich nur einen Teil des Objektes
introjiziere. In letzterer Hinsicht ist allerdings noch einer
doppelten Möglichkeit zu gedenken. Die partielle Introjektion
braucht nicht auf dem oralen Wege vor sich zu gehen,
sondern kann auch auf dem analen vorgestellt werden. Bis
wir zu vollkommeneren Einblicken gelangen, dürfen wir — mit
aller gebotenen Vorsicht — die Vermutung aussprechen, die
Libido des Paranoikers regrediere hinsichtlich ihres Sexualzieles
zur früheren der beiden sadistisch-analen Stufen; hinsichtlich
ihrer Einstellung zum Objekt wende sie sich rückwärts zur
Stufe der partiellen Introjektion, wobei wir die Frage oifen
lassen, ob solche auf analem oder oralem Wege erfolgt. Ahn-
lichen Verhältnissen begegnen wir beim Melancholiker in der
Rekonvaleszenz. Es bleibt eine offene Frage, warum bei diesem
eine Wahnbildung im paranoischen Sinne ausbleibt. Teils
dürfte sich der Gegensatz aus den verschiedenartigen Wir-
kungen totaler oder partieller, oraler oder analer Introjektion
erklären. Klarheit wird hier erst geschaffen werden können,
6*
84 | Dr. Karl Abraham
nn
wenn wir in die Beteiligung des Ich an beiden Krankheits-
prozessen eine noch tiefere Einsicht gewonnen haben.
Bezüglich des introjizierten Teiles erscheint noch eine
Bemerkung notwendig. Sie bezieht sich auf die regelmäßige
Gleichsetzung des Penis mit der weiblichen Brust. Sekundär
übernehmen andere Körperteile die Vertretung dieser beiden
Organe, so z. B. Finger, Fuß, Haar, Kot, Gesäß. Belege für
diese Erfahrung wurden bereits mitgeteilt.‘
Nehmen wir in der Entwicklung der Objektliebe eine Stufe
an, wie wir sie als „Partialliebe“ geschildert haben, so entspringt
daraus für uns noch ein weiterer Gewinn an Erkenntnis. Wir
beginnen nämlich eine Eigentümlichkeit der sexuellen Perver-
sionen zu verstehen, auf welche jüngst wieder von Sachs”?
hingewiesen wurde, nämlich die Spezialisierung des Interesses
am Objekt auf bestimmte Körperteile, deren Auswahl uns oft
ganz seltsam anmutet. Am auffälligsten tritt diese Erscheinung
beim Fetischisten hervor. Diesem ist der ganze Mensch
oftmals nur ein irrelevantes Anhängsel -eines einzelnen Körper-
teiles, der allein ihn mit unwiderstehlicher Gewalt anzieht. Als
ich vor längeren Jahren? den ersten Versuch machte, einen
Fall von Fuß- und Korsettfetischismus psychoanalytisch zu
durchdringen, schlug Freud mir die Einführung des neuen
Begriffes der Partialverdrängung vor, um den in Frage
stehenden Phänomenen gerecht zu werden. Der so bezeichnete
psychologische Vorgang, der einen (den größten) Teil des
Objektes zur Bedeutungslosigkeit herabsetzt, um einem anderen
eine gewaltige Überschätzung zuteil werden zu lassen, erscheint
uns jetzt als Ergebnis einer Libidoregression zu dem von uns
angenommenen Stadium der Partialliebe. Zugleich hört er auf,
1) Eine bemerkenswerte psychologische Parallele zur „Partialliebe“ ist
die von Freud („Massenpsychologie“ S.70) kurz skizzierte „partielle
Identifizierung“ des Individuums mit seinem Liebesobjekt.
2) „Zur Genese der Perversionen“, Internationale Zeitschrift für Psycho-
analyse 1923.
3) Vergl. meinen Aufsatz im Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen
II, 1912 (Abdruck in’ „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse“ 1920).
nen.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido B5
eine vereinzelt dastehende Sonderbarkeit im Bereich einer
Krankheitsform zu sein und fügt sich einer großen Reihe
verwandter psychologischer Phänomene ein. Ein genaueres
Eingehen auf die Symptome des Fetischismus liegt nicht in
der Absicht dieser Untersuchung. Es sei aber der Hinweis
gegeben, daß die Körperteile des Liebesobjektes, auf welche
die fetischistische Neigung sich zu spezialisieren pflegt, die
gleichen sind, die uns im Bereich der „Partialliebe“ begegnen.
Die klinische Beobachtung hat uns seit langem mit einem
Entwicklungsstadium der Objektliebe bekannt gemacht, das
dem Objekt bereits ein höheres Maß von Schonung zuteil
werden läßt. Im Bereich der Neurosen tritt es uns als regressives
Phänomen in der Sexualität der Zwangskranken entgegen. Auf
dieser Stufe ist das Individuum noch nicht fähig, ein anderes
im vollen Sinne des Wortes zu lieben. Noch bindet sich die
Libido des Subjektes an einen Teil des Objektes, Aber die
Tendenz zur Einverleibung dieses Teiles ist aufgegeben; an
ihre Stelle trat der Wunsch des Subjektes nach Herrschaft
und Besitz. So weit auch die Libido auf dieser Stufe vom
definitiven Ziel der Entwicklung entfernt bleibt, so ist doch
ein grundsätzlicher Fortschritt dadurch erzielt, daß der Besitz
sozusagen nach außen verlegt ist. Eigentum ist nicht
mehr, was das Individuum sich durch Verschlingen einverleibt
hat; es besteht vielmehr jetzt außerhalb seines Körpers. Damit
ist die Existenz des Objektes anerkannt und sichergestellt, und
ein wichtiger Akt der Anpassung an die Außenwelt seitens
des Individuums vollzogen. Diese Änderung ist von größter
praktischer Bedeutung im sozialen Sinne; sie ermöglicht erst
die Gemeinsamkeit eines Besitzes zwischen verschiedenen
Personen, während das Verschlingen ihn einer einzigen Person
ausschließlich sicherte.
Ein Niederschlag dieser Libidoeinstellung zum Objekt findet
sich in verschiedenen Sprachen, wie zum Beispiel im deutschen
„besitzen“, im lateinischen possidere. Man sitzt auf dem Eigen-
tum, man bleibt also noch in einem engen körperlichen
86 Dr. Karl Abraham
Kontakt mit ihm. Bei Kindern beobachten wir dies unmittelbar.
Wir sehen vielfach, wie ein Kind einen ihm besonders lieben
Gegenstand am Abend mit sich ins Bett nimmt und auf ihm
liegt. Auch bei Tieren (Hunden) kann man feststellen, daß sie
einen Besitz zu sichern trachten, indem sie ihn mit dem
Körper decken. Ich beobachtete dies bei meinem Hunde;
sobald ein Fremder sich im Hause aufhielt, holte er seinen
Maulkorb — also einen für ıhn allein bestimmten Gegenstand
— und legte sich auf diesen.'
Vermutlich könnte das psychoanalytische Studium der Zwahgs
neurose uns weitere Aufschlüsse über dieses Entwicklungs-
stadium der Objektliebe bringen. Die besondere Ausprägung
der aktiven und passiven Kastrationsvorstellungen bei den
Zwangskranken sowie ıhre eigentümliche Einstellung zum
Besitz lassen uns an einen Zusammenhang mit dem Stadium
der Partialliebe denken. |
Die Psychoanalyse hat uns zu der Erkenntnis geführt, daß
das Unbewußte des reifen Menschen vielerlei Spuren enthält,
die den frühen Stadien seiner Psychosexualität entstammen.
Solchen Residuen begegnen wir beim gesunden Menschen
namentlich in seinen Träumen. Auch die Partialliebe hinterläßt
derartige Spuren in unserem Unbewaußten.
Ich führe als Beispiel die allbekannten Träume vom Aus-
fallen eines Zahnes an. Jedem Psychoanalytiker ist ihre mehr-
fache symbolische Bedeutung bekannt. Der ausfallende Zahn
ist einerseits ein Symbol der Kastration, andererseits bedeutet
er eine dem Träumer nahestehende Person, deren Tod das
Wunschziel des Traumes bildet. Ein Angehöriger wird also
einem Körperteil gleichgesetzt, der ausgestoßen werden soll.
Die Ähnlichkeit mit der Psychologie des Verfolgungswahnes
liegt auf der Hand. Zu beachten ist die Ambivalenz der Gefühle,
ı) Man vergleiche hierzu die Phantasien des fünfjährigen Hans in
Freud’s „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben.“ (Jahrbuch für
psychoanalytische Forsch. 1909, $. 26.) Hans setzt sich auf die Giraffe,
welche die Mutter vertritt, nachdem er sie dem Vater genommen hat.
EEE TEEN TEE Er Mm.) are s
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 87
die sich in der Identifizierung einer Person mit einem Teil
unseres Körpers kundgibt. Die Gleichsetzung eines anderen
Menschen mit einem Körperteil, der unsererseits einer beson-
deren narzißtischen Schätzung unterliegt, ist zweifellos der
Ausdruck besonderer Liebe. Im deutschen Sprachgebrauch
kennen wir die Anrede „mein Herz“ an eine geliebte Person.
Von einer Mutter sagen wir, sie hüte ihr Kind „wie ihren
Augapfel*. Die Gleichsetzung mit einem Zahn, wie sie im
Traum so häufig geschieht, sagt in anspielender Form, daß
man einen solchen Bestandteil zwar nicht gern aufgibt, aber
ihn doch wohl entbehren kann, da man seinesgleichen ja in
Menge besitzt. Oft fällt dem Träumer sogar die Schmerz-
losigkeit des Zahnausfalles oder einer Extraktion auf; der Ver-
lust jenes Menschen, dem die Anspielung gilt, wäre also nicht
gar so schmerzlich! Man darf ferner nicht vergessen, daß der
symbolischen Kastration ein unbewußter Wunsch zugrunde
liegt, der sich auf den Verlust desjenigen Körperteils bezieht,
welcher im Mittelpunkt des menschlichen Narzißmus zu stehen
pflegt. Die feindselige Bedeutung tritt in der Gleichsetzung
einer Person mit einem Teil unseres Körpers aber am deut-
lichsten dann zutage, wenn dieser Körperteil K ot ist.
So: hat die Partialliebe auch im Seelenleben des Gesunden
ihre Spuren hinterlassen. Das mit ambivalenten Gefühlen
besetzte Liebesobjekt wird durch einen einzelnen Körperteil
repräsentiert, der dem Körper des Subjekts introjiziert ist.
Die Patientinnen X. und Y., über welche ich oben berichtete,
näherten sich unter der Einwirkung der Psychoanalyse mehr
und mehr einer normalen Ausbildung der Objektliebe. Sie
passierten auf diesem Wege ein Stadium, das als unmittelbare
Weiterbildung des soeben beschriebenen erscheint.
Die Patientin X. war früher beherrscht von einer phantasti-
schen Vorstellung, die, wie erwähnt, in ihren Träumen und
Symptomen beständig wiederholt und variiert wurde. Es
handelte sich um die Vorstellung von der Übernahme des
Penis ihres Vaters; es wird erinnerlich sein, daß sie sich selbst
88 Dr. Karl Abraham
mm nn nn nn nn nn
in toto mit diesem Körperteil identifizierte. In einem bestimmten
Stadium der Besserung, in welchem die pseudologischen und
kleptomanischen Antriebe praktisch überwunden waren, nahmen
die Phantasieprodukte der Patientin einen anderen Charakter
an. Als besonders auffälligen Beleg erwähne ich einen Traum,
in welchen sie den Körper ihres Vaters sah und das Fehlen
des Schamhaares an ihm konstatierte. Letzteres war in einer
Anzahl früherer Träume stets in Genitalbedeutung aufgetreten.
Sie träumte also jetzt vom Vater als ganzem Menschen, aber
mit Ausschluß eines einzigen Teiles seines Körpers. Der Gegen-
satz zu gewissen früher erwähnten Äußerungen ihrer Neurose
ist bemerkenswert. Zur Zeit, als sie zwanghaft die Genital-
gegend des Vaters ins Auge fassen mußte, war das Liebes-
interesse von dem ganzen übrigen Menschen abgewandt. Jetzt
war verdrängt, was früher im Bewußtsein eine Zwangsherrschaft
ausgeübt hatte. '
Träume der gleichen Art sind mir auch bei anderen Personen
begegnet. Eine Patientin, die sich in stark ambivalenter Ein-
stellung zu mir befand, produzierte als Ausdruck der Über-
tragung einen Traum, in welchem sie mich ohne Genitalien
darstellte. Die feindselige Tendenz (Kastration) ist hier leicht
genug erkennbar. Eine andere Determinierung des Traumes
lag aber in der Gleichsetzung meiner Person mit dem Vater,
den sie zwar lieben, aber nicht im genitalen Sinne begehren
durfte. Der Arzt, als Ersatzperson des Vaters, durfte nur unter
Genitalausschluß geliebt werden; die Traumzensur hinderte in
diesem Sinne die Überschreitung der Inzestschranke.
Die erotische Bejahung des Objektes mit Ausschluß des
Genitales erscheint als eine für die Hysterie typische Äußerung
des Inzestverbotes. Freud wies schon in der ersten Auflage
der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ auf die Tatsache
hin, daß bei den Hysterischen gerade das normale (genitale)
Sexualziel der Ablehnung unterliege, während andere, „perverse“
Wunschregungen dessen Stelle einzunehmen trachten. Mit
dieser Feststellung Freuds stimmt die Annahme eines
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 89
Stadiums der Objektliebe mit Genitalausschluß gut
überein." Die Ablehnung der Genitalzone erstreckt sich sowohl
auf den eigenen Körper des Individuums als auf denjenigen
des Objektes. Zwei besonders verbreitete und praktisch
wichtige Symptome, die Impotenz des Mannes und die
Frigidität des Weibes, erklären sich zu einem erheblichen
Teil aus diesem Sachverhalt. Das neurotische Individuum kann
das Objekt wegen seines Genitales nicht vollkommen lieben.
Die Psychoanalyse der Neurotiker hat uns gelehrt, daß diese
Hemmungen der Libido bei beiden Geschlechtern auf den
Kastrationskomplex zurückzuführen sind. Beim männlichen
Geschlecht üben die Angst um das eigene Genitale und das
Grauen vor dem Fehlen eines entsprechenden Organes am
weiblichen Körper die nämliche Wirkung aus, wie beim
weiblichen Geschlecht der nicht verwundene Schmerz über
die Genitalberaubung und die gegen den Mann gerichtete
Kastrationslust. Wir müssen außerdem ın Betracht ziehen, daß
bei jedem Menschen das eigene Gsenitale stärker als irgendein
anderer Körperteil mit narzißtischer Liebe besetzt ist. Dem-
entsprechend darf am Objekt alles andere früher geliebt
werden als das Genitale. Auf der von Freud so genannten
„phallischen“ Organisationsstufe der Libido ist dieser letzte
große Schritt der Entwicklung offensichtlich noch nicht getan.
Erst auf der höchsten, als eigentlich genital zu bezeichnenden
Stufe ist dieser Erfolg eingetreten. So geht die Erreichung
der höchsten Organisationsstufe der Libido mit einem
abschließenden Entwicklungsakt im Bereich der Objektliebe
Hand in Hand.
Die folgende tabellarische Aufstellung soll dazu dienen, die
Übersicht über die Stufen der sexuellen Organisation und die
ı) Die Objektliebe mit Genitalausschluß scheint als psychosexuelles
Entwicklungsstadium zeitlich mit Freud’s „phallischer Entwicklungsstufe“
‚zusammenzufallen, mit ihr aber auch durch innere Verbindungen eng
verknüpft zu sein. Die hysterischen Symptome hätten wir als das Negativ
der libidinösen Regungen aufzufassen, die der Objektliebe mit Genital-
ausschluß und der phallischen Organisation entsprechen,
90 Dr. Karl Abraham
Entwicklungsstadien der Objektliebe zu erleichtern. Ich mache
ausdrücklich auf den vorläufigen Charakter der hier zusammen-
gestellten Resultate aufmerksam. Besonders sei betont, daß ich
die Zahl der angenommenen Entwicklungsstadien keineswegs
auf sechs festlegen möchte. Man kann die Tabelle etwa mit
dem Fahrplan eines Schnellzuges vergleichen, in welchem nur
einige große Stationen verzeichnet sind; was zwischen diesen
gelegen ist, muß in einer derartigen Übersicht unberücksichtigt
bleiben. Endlich sei erwähnt, daß die in den beiden Haupt-
kolonnen auf gleicher Höhe verzeichneten Stadien miteinander
zeitlich nicht zusammenzufallen brauchen.
Organisationsstufen Entwicklungsstufen
der Libido: der Objektliebe:
v1. Endgültige genitale Stufe Objektliebe (nach-ambivalent)
V,. Frühe genitale (phallische) Objektliebe mit
Stufe Genitalausschluß
IV. Spätere anal-sadistische Partialliebe
Stufe
ambivalent
II. Frühere anal-sadistische Partialliebe mit Ein-
Stufe verleibung
II.. Spätere orale (kanibalische) Narzißmus. Totaleinver-
Stufe leibung des Objektes
I. Frühere orale (Sauge-) Autoerotismus (vor-ambivalent)
Stufe x (objektlos)
Die Tabelle gibt einen summarischen Aufschluß über die
psychosexuelle Entwicklung des Menschen nach zwei Richtungen
hin; sie berücksichtigt die Wandlungen der Libido hinsichtlich
des Sexualzieles und des Sexualobjektes. Neben anderen
wichtigen Erscheinungen dieses Entwicklungsprozesses blieb
besonders eine unberücksichtigt, nämlich die Ausbildung der
Hemmungen des Triebes. So mag hier wenigstens ein kurzer
bezüglicher Hinweis Platz finden,
Be u.
ss ee EEE EEE EEE EEE EEE ERREGER EEE
! Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido gI
Das früheste, autoerotische Stadium betrachten wir als noch
frei von Triebhemmungen, entsprechend dem Fehlen eigent-
licher Objektbeziehungen. Im Stadium des Narzißmus mit
kannibalischem Sexualziel tritt als erste nachweisbare Trieb-
hemmung die Angst auf. Die Überwindung des Kannibalismus
ist eng verknüpft mit der Entstehung von Schuldgefühlen,
sie treten als typische Hemmungserscheinungen auf der dritten
Stufe hervor. Die Einverleibung eines Teiles des Objektes bleibt
als Sexualziel bestehen, bis Mitgefühl und Ekel der
Libido diesen Weg der Betätigung verlegen. Der Objektliebe
mit Genitalausschluß entspricht als Hemmungserscheinung das
Schamgefühl. Auf der höchsten Stufe der eigentlichen
Objektliebe begegnen wir endlich den höheren sozialen
Gefühlen als Regulatoren des Trieblebens.
Diese wenigen, allgemein gehaltenen Bemerkungen mögen
zeigen, daß die Entstehung der Hemmungen im Bereich der
Libido weiterer Erforschung bedarf, daß uns aber die Psycho-
analyse auch zu dieser Leistung in den Stand setzt. Ein kurzer
Hinweis auf einen Einzelakt des komplizierten Prozesses sei
hier noch angeschlossen.
Im Stadium der „Partialliebe mit Einverleibung“* wird, wie
wir sahen, das Liebesobjekt durch einen Teil repräsentiert. Die
Einstellung des Individuums zu diesem Teil (= Penis, Brust,
Kot usw.) ist ambivalent, also begehrend und ablehnend zu
gleicher Zeit. Erst wenn die Einverleibungstendenz völlig auf-
gehoben wird, wie es nach unserer Annahme im vierten Stadium
geschieht, tritt eine mißachtende Einstellung zu jenem Teil in
die Erscheinung, die sich besonders gegenüber dem Kot
bemerkbar macht. Der Kot repräsentiert im kindlichen Seelen-
leben nun alles, was man nicht behalten will; die mit Ekel
abgelehnte Person (in den Krankheitsfällen X. und Y.) wird
daher mit Kot identifiziert. Fortan ist die Einführung von Kot
in den Mund schon als Gedanke der Inbegriff alles Ekelhaften.
In gewissen Krankheitszuständen können wir einen tiefgreifen-
den Regressionsvorgang feststellen, der das Verschlingen von
92 N Dr. Karl Abraham
mn nn
Kot wiederum zum Sexualziel erhebt. Denn in unserem Unbe-
wußten bleibt die ursprüngliche narzißtische Wertschätzung der
Exkremente bestehen.
Bereits früher (Zeitschrift VII, 1921, S. Kain habe ich ver-
sucht, das Verhältnis der verschiedenen Formen psycho-
neurotischer Erkrankung zu den Stufen der Libidoentwicklung
entsprechend dem Stande unseres Wissens zu einer übersicht-
lichen Darstellung zu bringen. Dieser Versuch war sehr unvoll-
kommen und weit davon entfernt, eine endgültige Klärung zu
bedeuten. Auch jetzt gibt es im ganzen noch die gleichen
Lücken in unserem Wissen. Eine Ergänzung kann mit aller
Vorsicht gegenwärtig nur in zwei Hinsichten versucht werden.
‚Wir dürfen annehmen, daß beim Melancholiker die
Fähigkeit zur Objektliebe besonders unvollkommen ausgebildet
sei, so daß im Erkrankungsfalle die Tendenz zur kannibalischen
Einverleibung des Objektes die Oberhand gewinne, was mit
einer Regression der Libido des Patienten zum zweiten Stadium
des obigen Schemas zusammenfiele.
Bei einer anderen Krankheitsform, den paranoischen
Zuständen, scheint die Regression im Stadium der partiellen
Einverleibung (III) halt zu machen. Das Gleiche scheint auch
für die kleptomanen Zustände zu gelten. Vielleicht besteht: der
wesentliche Unterschied des unbewußten Wunschgehaltes der
beiden Krankheitsformen darin, daß der Kleptomane die orale
Einverleibung, der Paranoiker dieanale Einverleibung des
begehrten Objektteiles zum unbewußten Sexualziel erhoben hat.
Nur konsequente und geduldige psychoanalytische Arbeit,
‚besonders an den narzißtischen Formen der Psychoneurosen,
kann uns allmählich vollständigere Einblicke in die. psycho-
sexuelle Entwicklung des Menschen eröffnen. Bis eine größere
Anzahl gründlich durchgeführter Analysen die im Vorstehenden
gegebenen Annahmen bestätigt und erweitert, mag es nicht
überflüssig sein, ihr vorläufiges Fundament zu prüfen.
An erster Stelle ist hier die rein empirische Gewinnung
der Resultate dieser Untersuchung zu erwähnen. Ich glaube
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 9
jeder spekulativen Überschreitung des rein empirischen Bodens
entsagt zu haben. Zum mindesten darf ich geltend machen,
daß im vorstehenden nirgends versucht wurde, eine abge-
rundete Theorie zu geben; im Gegenteil habe ich selbst an
vielen Stellen auf Mängel und Lücken des Gebotenen auf-
merksam gemacht.
‚Sodann sei auf die Einfachheit des angenommenen Ent-
wicklungsprozesses hingewiesen. Er spielt sich in gleichen
Bahnen ab wie die Vorgänge der organischen Entwicklung;
ein Teil wächst sich zum Ganzen aus, ein ursprüngliches
Ganzes reduziert sich zu einem Teil, um schließlich ganz an Be-
deutung zurückzutreten oder nur noch im Rudiment fortzuleben.
Die Parallele mit organisch-biologischen Vorgängen aber
läßt sich erheblich erweitern. Wir haben längst das „bio-
genetische Grundgesetz“ von der organischen auf die psychische
(psychosexuelle) Entwicklung des Menschen übertragen. Dem
Psychoanalytiker bestätigt tägliche Erfahrung, wie das Indivi-
duum auch auf seelischem Gebiet den Entwicklungsgang der
Art wiederholte Auf Grund reicher Empirie dürfen wir
aber noch eine besondere Regel der psychosexuellen Entwick-
lung aufstellen, welche besagt, daß diese letztere der organischen,
somatischen Entwicklung stets in weitem . Abstand nachhinkt,
wie eine späte Neuauflage oder Wiederholung des gleichen
Prozesses. Das biologische Vorbild jenes Entwicklungsvorganges,
dem die vorliegende Untersuchung gewidmet ist, spielt sich
in frühester Embryonalzeit ab, während der uns beschäftigende
psychosexuelle Prozeß sich über eine Reihe von Jahren des
extrauterinen Lebens — vom ersten Lebensjahr bis zur Pubertät
— ausdehnt. Werfen wir einen Blick auf das Gebiet der
Embryologie, so ergibt sich zwanglos ein weitgehender
Parallelismus des von uns beobachteten stufenweisen psycho-
sexuellen Aufstieges mit dem organischen Entwicklungsprozeß
in früher Embryonalzeit.
In der ersten Periode des extrauterinen Lebens ist die
Libido nach unserer Auffassung vorzugsweise an den Mund
94 Dr. Karl Abraham
—
als erogene Zone gebunden. Die früheste, lebenswichtige
Relation des Kindes zur Außenwelt besteht darin, daß sein
Mund einsaugt, was dazu geeignet und ihm zugänglich ist. In
der embryonalen Entwicklung ist das erste Organ, das sich
in Anschluß an die frühesten Zellteilungen bildet, der sogenannte
„Urmund‘, der bei der niederen Tiergruppe der Coelenteraten
lebenslänglich erhalten und in Funktion bleibt.
Im Leben des Kindes vergeht eine lange Zeit, bis die
Geschlechtsorgane (im engeren Sinne des Wortes) eine leitende
Rolle in der Sexualität übernehmen. Bis dieses Stadium erreicht
wird, kommt dem Darmkanal, und besonders seiner Eintritts-
und Austrittspforte, eine wichtige erogene Rolle zu. Bedeutende
sexuelle Reizmengen strömen dem Nervensystem vom Darm-
kanal aus zu. Dieser Zustand hat nun sein Vorbild in einer
Einrichtung der frühen Embryonalzeit. Vorübergehend besteht
nämlich eine offene Verbindung des Darmrohres (Enddarmes)
mit dem kaudalen Teil des Nervenrohres (Canalis neurentericus).
Der Weg der Reizübertragung vom Darmrohr auf das Nerven-
system ist damit gewissermaßen organisch vorgezeichnet.
Besonders klar aber tritt uns das biologische Vorbild der
oral-sadıstischen (kannibalischen) und der - anal-sadistischen
Phase entgegen. Auf diese Tatsache hat schon Freud!
andeutungsweise aufmerksam gemacht; ich zitiere wörtlich:
„Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung der
oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskelbetätigung am.
Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vorbereitender
Akt für das Fressen, das dann als Sexualziel ausfällt. Der vor--
bereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die Neuheit gegen
die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß das aufnehmende
passive Organ, von der Mundzone abgesondert, an der Anal-
zone ausgebildet wird.“ Der Autor spricht dann auch von
biologischen Parallelvorgängen, ohne solche genauer anzugeben.
-——
ı) Vgl. „Geschichte einer infantilen Neurose“ in „Kleine Schriften zur
Neurosenlehre“, Band IV, P- 578.
Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 95
Ich möchte‘ nun auf eine frappante Übereinstimmung der
psychosexuellen und der organischen Entwicklung hier einen
besonderen Nachdruck legen. |
Der bereits erwähnte „Urmund“ befindet sich anfänglich am
vorderen Ende (Kopfende) des „Primitivstreifens“. Man kann
nun an den Embryonen gewisser Tierarten beobachten, wie
sich die ursprüngliche Mundöffnung vom Kopfende her schließt,
während sie sich nach dem Schwanzende zu erweitert. Sie
rückt so allmählich ın die Gegend des sich ausbildenden
Schwanzes und bleibt hier nach Beendigung ihrer Wanderung
als After bestehen. Diese unmittelbare Herleitung
des Anus vom Urmund erscheint als biologische Prä-
formation des psychosexuellen Vorganges, der sich in der von
Freud geschilderten Weise etwa im zweiten Jahre nach der
Geburt abspielt.
Um die nämliche Zeit, in der beim Embryo die Afterbildung
stattfindet, sehen wir auch die Muskulatur des Körpers sich
entwickeln, wobei die Kiefermuskulatur dem Bewegungsapparat
der Extremitäten weit vorauseilt. Die Bildung des Anus und
diejenige der Freßwerkzeuge sind eng miteinander verbunden.
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß im extrauterinen Leben
die Kiefermuskulatur weit früher zielgerechte und zugleich
kraftvolle Bewegungen hervorbringt, als etwa dıe Muskulatur
des Rumpfes oder der Glieder.
In einem vierten Stadium der psychosexuellen Entwicklung
erkannten wir als Sexualziel das Festhalten und Beherrschen
des Objektes. Als sein Korrelat in der biologischen Ontogenese
erscheint die Ausbildung der Vorrichtungen am Darmkanal,
welche dem Festhalten des Aufgenommenen dienen. Da sind
Verengerungen und Erweiterungen, ringförmige Einziehungen,
blind endende Abzweigungen, vielfache Windungen, endlich
am Ausgang die unwillkürlichen und willkürlichen Schließ-
muskeln. Zur Zeit aber, da dieser vielgestaltige Retentions-
apparat ausgebildet wird, fehlt noch jede Anlage der Uro-
genitalwerkzeuge.
06 | Dr. Karl Abraham
Die Ausbildung der genitalen Organisation der Libido sahen
wir sich in zwei Stadien vollziehen, welchen auch zwei Stufen
in der Entwicklung der Objektliebe entsprachen. Auch hier
weist die organische Entwicklung entsprechende Vorbilder auf.
Die Anlage der Genitalorgane ıst anfänglich „indifferent*; erst
nach einer gewissen Zeit bilden sich männliche und weibliche
Charaktere aus. Das gilt sowohl für die Keimdrüsen wie für
die Organe, welche der Kopulation dienen. Eine entsprechende
allmähliche Differenzierung aber haben wir auch auf psycho-
sexuellem Gebiet kennen gelernt.
Bis eine umfangreichere und vertiefte psychoanalytische
Erfahrung uns zu gesicherten Schlußfolgerungen hinsichtlich
der hier behandelten psychosexuellen Entwicklungsvorgänge
berechtigt, mag die soeben angeführte Reihe biologischer
Parallelvorgänge dem Versuch einer Entwicklungsgeschichte der
Objektliebe eine gewisse Stütze verleihen.
Inhaltsverzeichnis
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Erster Teil Seite
Die manisch-depressiven Zustände und die prägenitalen
Organısationsstufen der Libido... 3 2. 2 8
TEINTOHtUEn a Beet dee Nee ae Ch Eee er 5
I. Melancholie und Zwangsneurose. Zwei Stufen der sadistisch-
analen Entwicklungsphase der Libido . .. . . 2». 2.2... 9
H. Objektverlust und Introjektion in der normalen Trauer und
in abnormen psychischen Zuständen . .... 2.2... 22
II. Der Introjektionsvorgang in der Melancholie. Zwei Stufen
der oralen Entwicklungsphase der Libido . . . . 2... 31
IV. Beiträge zur Psychögenese der Melancholie. ....... 42
V. Das infantile Vorbild der melancholischen Depression RB
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VII. Die psychoanalytische Thetapie der manisch- -melancholischen
ZUSAGEN a re REIN 66
Zweiter Teil
Anfänge und Entwicklung der Objektliebe .. ... . .ı.. u
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[2 Bi. f.psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen“ Wien, Zürich 1924 j |
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N. | Sonderabdruck vergriffen.) Contributions to Psychoanalysis. Authorised !
Ba translation by Dr. Ernest Jones. Boston 1916 {
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mn Inhalt: Über Pathoneurosen — Hysterische Materialisations- ‘ R 7
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Populäre Vorträge über Psychoanalyse. Mit Dr. St. Hollös 2
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Nr. XII). Leipzig, Wien, Zürich 1922 Zur Psychoanalyse der paralykischei Ri
Inhalt: Über Aktual- und Psychoneurosen im Lichte der Geistesstörung. (Beihefte der Internationalen
| Freud’schen Forschungen und über Psychoanalyse. — Zur Zeitschrift für Psychoanalyse Nr. V). Leipzig,
Sf analytischen Auffassung der Psychoneurosen. — Die Psycho- W; Zürich 1922
= analyse der Träume. — Träume der Ahnungslosen. — Sug- Ien, Zur
I gestion und Psychoanalyse. — Die wissenschaftliche Bedeutung
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Psychoanalyse des Witzes und des Korhischen. — Ein Vortrag Mit Dr. Otto R ank |
für Richter und Staatsanwälte. — Psychoanalyse und Krimi- [000 &
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| Mechanik. — Symbolische Darstellung des Lust- und echselbeziehung von Theorie und Praxis, DEN
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Dr. Ernest Jones (London): Kälte, Krankheit und
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Be M. Josef Eisler (Budapest): ar hysterische Er-
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"| Mann und. Weib.
‚as Dr. Imre Hermann (Budapest): Organlibido und Be-
Dr. Stefan Hollös (Budapest): Von den „Pathoneurosen“
| zur Pathologie der Neurosen.
Herausgeber und Redaktion: Dr. S. Ferenczi
Melanie Klein (Berlin): Die Rolle der Schule in der | 8%
libidinösen Entwicklung des Kindes.
Aurel Kolnai (Wien): Die geistesgeschichtliche Be-
deutung der Psychoanalyse,
Dr. Sigmund Pfeifer (Budapest): Königin Mab.
Dr. Sändor Radö (Budapest): Eine Traumanalyse, Bazrie
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Dr. Geza Szilägyi (Budapest): Der junge Spiritistt |
Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. S.
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